Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Thomas Quartier Gedanken zum Tag

Wenn ich versuche, den Ursprung meines Vertrauens und meines Verlangens aufzuspüren, dann fällt mir vor allem eines auf: ich wusste schon früh, was ich nicht wollte...

Stand: 20.01.2020

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

20 Januar

Montag, 20. Januar 2020

Wenn ich versuche, den Ursprung meines Vertrauens und meines Verlangens aufzuspüren, dann fällt mir vor allem eines auf: ich wusste schon früh, was ich nicht wollte, und das hatte eine Menge mit dem Leben zu tun, das ich in meiner Kindheit kennengelernt hatte. Ich bin in einem kleinen Dorf am Niederrhein aufgewachsen. Das Leben dort ist für viele Menschen attraktiv. Es bietet Geborgenheit, ist übersichtlich und gemütlich. Für mich war es das nie. Ich habe immer versucht, meinen Platz in jenem Sozialgefüge zu finden, das durch den Schützen- und Sportverein und - nicht zu vergessen - von der Pfarrgemeinde bestimmt wird. Auch wenn ich durchaus daran teilnahm, habe ich mich nie zuhause gefühlt. Ich bin nicht besonderes sportlich. Mitglied der Schülermannschaft im Fußball wurde ich nur, weil mein Vater Platzwart war. Nach drei Jahren sagte meine Mutter: "Ich melde den Jungen wieder ab." Das war gut so, denn dort wurde mir etwas aufgezwungen, was ich nicht wollte. (…) Als ich schließlich im Verein abgemeldet war, war ich auch bei den Gleichaltrigen abgemeldet. Ich war ein Fremder in einer Oase der Vertrautheit - für andere. Zugleich entdeckte ich meine Liebe zur Musik, aber sie entsprach so gar nicht den gängigen Vorstellungen. Ein Engagement im hiesigen Tambourcorps blieb mir erspart.

Entnommen aus: Thomas Quartier "Heilige Wut. Mönch sein heißt radikal sein", Herder Verlag, Freiburg 2018


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