Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Hans-Arved Willberg Gedanken zum Tag

Jesus durchbricht in den Evangelien immer dann die Sitte, wenn sie menschenverachtend ist.

Stand: 15.01.2020

15 Januar

Mittwoch, 15. Januar 2020

Jesus durchbricht in den Evangelien immer dann die Sitte, wenn sie menschenverachtend ist. Er ist gekommen, um den Gefangenen die Freiheit zu verkünden (…). Maria versteht das und nimmt achtsam ihre Freiheit in Anspruch. Marta kann es noch nicht fassen und hegt darum Groll. Marta hat gelernt, minderwertig zu sein, weil sie eine Frau ist. Dass Jesus die Verhältnisse umkehrt und gerade sie, die Letzte, zur Ersten macht, scheint ihr unglaublich. Sie kennt nichts anderes als ihre Minderwertigkeit, sie glaubt nichts anderes, darum fordert sie auch nichts anderes von sich und ihresgleichen. Das Diktat der Sitte hat ihr Rückgrat verbogen. Es ist ihr versagt, Gegenpart des Mannes zu sein, so wie es der Genesis nach die Schöpfung eigentlich will. Dass Jesus sie davon freispricht, hört sie nicht, weil sie nicht hinhört, wenn er spricht. Weil sich Marta vom Diktat der Sitte knechten lässt, ist sie von der Pflicht des minderwertigen Dienstes ganz und gar in Anspruch genommen und darum abgezogen, abgelenkt von dem, was nottut. Zweimal hintereinander nennt Jesus Martas Namen: Marta, komm zur Besinnung, will er ihr sagen, komm zu dir, werde du selbst. Du bist ja ganz verkrampft und läufst nur noch mit einer Maske herum. Das muss doch gar nicht sein. Mach dir doch nicht so viele Sorgen und beruhige dich.

Entnommen aus: Hans-Arved Willberg "Das ganze Ja zum Leben. Christliche Spiritualität der Achtsamkeit", Buzton & Bercker Verlag, Kevelaer 2019


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