Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Ulrich Steinvorth Gedanken zum Tag

Es gehört zur Welteinstellung des Christentums oder doch bestimmter Traditionen in ihm, in Entscheidungen der Lebensführung Ideale (...) Gesichtspunkten des Seelenkomforts voranzustellen.

Stand: 09.01.2020

09 Januar

Donnerstag, 09. Januar 2020

Es gehört zur Welteinstellung des Christentums oder doch bestimmter Traditionen in ihm, in Entscheidungen der Lebensführung Ideale wie das der Wahrhaftigkeit und der Treue zu unseren tiefsten Überzeugungen Gesichtspunkten des Seelenkomforts voranzustellen. (...) Die christliche Welteinstellung ist mit dem Glauben auch an das Recht jedes Individuums verbunden, seinen Überzeugungen zu folgen, und an die Pflicht eines jeden, jeden andern in seinen Überzeugungen zu achten. Sie schließt jede fundamentalistische Anwandlung aus und fordert Institutionen des Rechts, die die Grenzen festlegen, in dem jeder gleich frei ist, seinen Überzeugungen zu folgen. Die Anerkennung absoluter Gewissheiten verlangt dagegen im krassen Widerspruch zu dieser christlichen Einstellung die kritiklose Unterwerfung unter Instanzen, die die unkritisierbaren Glaubenssätze mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit auf neu auftauchende Entscheidungssituationen anwenden. Sie schließt die Idee und erst recht die Praxis der Gleichheit aller Menschen aus und führt zum Lagerdenken, das nicht danach fragt, wie vernünftig eine Handlung oder Entscheidung ist, sondern wer oder nach welchen Parolen jemand sie ausführt.

Entnommen aus: Ulrich Steinvorth "Die Vernunft des Glaubens und der Glaube der Vernunft. Die Enzyklika Fides et Ratio in der Debatte zwischen Philosophie und Theologie", Wilhelm Fink Verlag, München 2007


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