Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Ursula von der Leyen Gedanken zum Tag

Nach meinem Medizinstudium war ich gerade jung verheiratet und in der ersten Anstellung. 1987 erwartete ich das erste Kind und es gab zwei Reaktionen...

Stand: 30.11.2019

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

30 November

Samstag, 30. November 2019

Nach meinem Medizinstudium war ich gerade jung verheiratet und in der ersten Anstellung. 1987 erwartete ich das erste Kind: und es gab zwei Reaktionen: Im Krankenhaus war es die Enttäuschung, dass ich schwanger war. "Oh. wie schade, mit der haben wir noch so viel vorgehabt". Dieses "Auf die können wir jetzt verzichten" hat mich sehr gekränkt. Und dann gab es die Erwartung in meinem privaten Umfeld, nicht von meinem Mann, aber von anderen: "Ah. jetzt kriegst du ein Kind, jetzt bleibst du zu Hause". Beides ist so nicht eingetreten. Ich weiß noch, wie mich das schlechte Gewissen zerrissen hat. Es gab damals weder einen Kindergarten, noch denn Kitaplätze. So habe ich versucht, mit einer Tagesmutter sowohl den Anforderungen der Klinik gerecht zu werden als auch der wachsenden Kinderzahl. Das Schlimmste im Rückblick war das schlechte Gewissen. Und wenn ich etwas der jungen Generation ersparen könnte, dann wäre es vor allem das schlechte Gewissen. Denn ich weiß heute mit meiner ganzen Erfahrung, dass es egal ist, ob die Eltern zu Hause sind: berufstätig oder auf welche Weise sie sich beides untereinander aufteilen. Entscheidend ist, dass sie mit ihrer Lebenssituation zufrieden sind.

Entnommen aus: Ursula von der Leyen in "Die Mutter, die ich sein wollte. Die Tochter, die ich bin", Hrsg. Birgit Fenderl und Anneliese Rohrer, Braumüller Verlag, Wien 2018


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