Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Es ist erstaunlich, wie biegsam der Zeitgeist sein kann: In der Barockzeit brachte er die Leute dazu, dass sie Perücken trugen, sich nicht wuschen, sondern puderten, und lieber Französisch als ihre Muttersprache sprachen.

Stand: 28.11.2019

28 November

Donnerstag, 28. November 2019

Es ist erstaunlich, wie biegsam der Zeitgeist sein kann: In der Barockzeit brachte er die Leute dazu, dass sie Perücken trugen, sich nicht wuschen, sondern puderten, und lieber Französisch als ihre Muttersprache sprachen. Beim Ausbruch der Französischen Revolution berauschte sich der Zeitgeist an den Parolen von der Volksherrschaft, entschied sich aber, als sich Monsieur Bonaparte auf den Kaiserthron setzte, wieder für die Monarchie und verneigte devot sich vor seiner Majestät. Der Zeitgeist hat keinen Charakter. Er lobte, wann immer man das von ihm erwartete, den Krieg, pries den Heldentod und rechtfertigte die Unterdrückung. Er hatte an den linken oder rechten Diktatoren nie etwas auszusetzen. Noch immer treibt er seinen Schabernack mit wem er will: Er erfindet Modewörter, schwatzt Schönheitsideale auf, und suggeriert den Leuten, welche Bücher oder Urlaubsorte man kennen muss. Ja, er bestimmt sogar, wie man heute malt und welche Themen in die Lehrbücher, auf die Bühnen oder auf die Bildschirme dürfen. Der Zeitgeist ist ein Scharlatan. Er schafft es immer wieder, für Ideen zu begeistern, die schon einmal gescheitert sind, weil er es versteht, das, was ihm missfällt, als 'rückständig' zu beschimpfen und das, was er empfiehlt, als 'fortschrittlich' anzupreisen.

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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