Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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C. Juliane Vieregge Gedanken zum Tag

Als Arzt kann ich das Leiden eines Schwerstkranken (…) nicht durch die Abschaffung des Leidenden lösen, sondern nur durch die Linderung des Leidens.

Stand: 17.10.2019

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

17 Oktober

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Als Arzt kann ich das Leiden eines Schwerstkranken (…) nicht durch die Abschaffung des Leidenden lösen, sondern nur durch die Linderung des Leidens. Die Palliativmedizin mit ihren Möglichkeiten der effektiven Kontrolle von Schmerzen und belastenden Symptomen kann dem Sterbenden die Angst vor einem qualvollen Tod nehmen. Damit stellt sie seinem eventuellen Wunsch nach einem ärztlich assistierten Suizid oder nach Tötung auf Verlangen eine Alternative entgegen. Die Verfügbarkeit einer raschen und erfolgreichen Schmerztherapie, immer unter Respektierung des Selbstbestimmungsrechts des schwerstkranken Patienten, führt häufig dazu, dass dieser seinen Wunsch nach Euthanasie auf einmal unter einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet. Sobald die symptomlindernden Maßnahmen ihm Erleichterung verschafft haben, kann er die ihm verbleibende Zeit als kostbare und wichtige Zeit des Abschieds annehmen. Sterbehilfe ist dann meistens gar kein Thema mehr. Das habe ich in meiner langjährigen Erfahrung als Arzt immer wieder erlebt. (…) Ich kann den Tod nicht bestimmen oder beurteilen. Schon gar nicht den Tod eines anderen Menschen. Wenn ich ihn herbeiführen würde, dann würde ich ihn für sinnvoll erklären. Damit würde ich aber die Grenzen unserer Erkenntnis überschreiten. Deswegen kann ich den Tod eines Patienten nicht als Möglichkeit akzeptieren.

Entnommen aus: C. Juliane Vieregge "Lass uns über den Tod reden" - Gespräch mit Hans Christof Müller-Busch, Christoph Links Verlag, Berlin 2019


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