Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Reza Aslan Gedanken zum Tag

Ich habe den größten Teil meines spirituellen Lebens mit dem Versuch verbracht, durch Glauben, Wissenschaft oder eine Kombination aus beidem die Kluft zu überbrücken, die vermeintlich zwischen Gott und mir existiert.

Stand: 15.05.2019

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

15 Mai

Mittwoch, 15. Mai 2019

Ich habe den größten Teil meines spirituellen Lebens mit dem Versuch verbracht, durch Glauben, Wissenschaft oder eine Kombination aus beidem die Kluft zu überbrücken, die vermeintlich zwischen Gott und mir existiert. Heute bin ich überzeugt, dass diese Kluft gar nicht besteht, denn zwischen uns gibt es keine Trennung. Ich bin, in der Tiefe meines Wesens, Gott in manifestierter Form. Wir alle sind es. Als Gläubiger und Pantheist verehre ich Gott nicht, indem ich vor ihm zittere und mich vor ihm fürchte, sondern indem ich ehrfürchtig staune über die Wunder des Universums - denn das Universum ist Gott. Ich bete zu Gott nicht, damit er meine Wünsche erfüllt, sondern um eins mit Gott zu werden. Die Erkenntnis von Gut und Böse, die der Gott der Schöpfungsgeschichte den Menschen ängstlich vorenthalten wollte, beginnt mit der Einsicht, dass Gut und Böse keine metaphysischen Phänomene sind, sondern moralische Entscheidungen, die wir selbst treffen. Für mich ist weder die Furcht vor ewiger Strafe noch die Hoffnung auf ewige Belohnung Grundlage meiner moralischen Entscheidungen. Ich erkenne die Göttlichkeit der Welt und jedes Geschöpfes und verhalte mich allen Wesen und Dingen gegenüber so, als wären sie Gott - denn genau das sind sie.

Entnommen aus: Reza Aslan "Gott. Eine Geschichte der Menschen", Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018


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