Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Die Tugenden haben keinen guten Leumund. Man hält sie für Schminke, mit der man Runzeln übertünchen kann.

Stand: 08.05.2019

08 Mai

Mittwoch, 08. Mai 2019

Die Tugenden haben keinen guten Leumund. Man hält sie für Schminke, mit der man Runzeln übertünchen kann. Hätte Eichendorf, statt ‘das Leben eines Taugenichts‘, ‘das Leben eines Tugendboldes‘ geschrieben, seine Novelle hätte kaum Beachtung gefunden. Wir lesen lieber Schriftsteller, die das Versagen und die Laster der Mitmenschen ausführlich schildern. Schriftsteller, die die Leser für die Tugenden begeistern möchten, würden nicht gelesen. In Wahrheit sind die Tugenden, weil sie für das Leben tauglich machen, unentbehrlich. Ohne Treue, Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit wäre das Zusammenleben unerträglich. Leider gibt sich die heutige Erziehung weithin mit der Vermittlung von Einsichten zufrieden und vernachlässigt das Einüben, das Tun. Sie begnügt sich mit der Theorie am Beckenrand und erspart den Kindern, dass sie ins Wasser springen. Rousseau, zu dem man noch immer wie zu einem großen Pädagogen aufschaut, obwohl er seine sechs Kinder in einem Findelhaus erziehen ließ, forderte eine neue Pädagogik: Kinder sollten, damit sie sich ungestört entfalten, fernab vom Einfluss der Erwachsenen auf einer Insel aufwachsen. Junge Menschen macht man jedoch nicht tauglich für das Leben, indem man sie isoliert und vor der rauen Wirklichkeit bewahrt. Man muss sie fordern. Sie lernen nur, Schwierigkeiten zu meistern, wenn sie sich an Widerständen reiben müssen. Die Fähigkeiten, die uns die Natur mitgibt, sind keine fertigen Talente, man muss sie tauglich machen.

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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