Bayern 2 - Gedanken zum Tag


3

Biallowons, Schwartz Gedanken zum Tag

Wahrheit und Lüge stehen nicht auf demselben Podest. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir zumeist sehr genau registrieren, wenn wir lügen.

Stand: 30.04.2019

30 April

Dienstag, 30. April 2019

Wahrheit und Lüge stehen nicht auf demselben Podest. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir zumeist sehr genau registrieren, wenn wir lügen. Was wir jedoch kaum abspeichern, sind die unzähligen Gespräche oder Briefe, in denen wir nichts als die Wahrheit sagen. In den meisten Fällen denken wir nicht darüber nach, wir müssen keine Entscheidung treffen, sondern wir tun oder sprechen einfach so, wie wir es als mit der Wahrheit übereinstimmend wähnen. Die Wahrheit ist im wahrsten Sinne des Wortes ursprünglicher als die Lüge. Diese Gleichung gilt nun, wenn auch etwas unterschiedlich ausgerichtet, ebenso für das Verhältnis von Wahrheit und Ehrlichkeit. Auch hier muss man feststellen, dass die Wahrheit für die Ehrlichkeit grundlegend ist. Würde man (…) die Wahrheits-Idee aufgeben, so wäre dies tatsächlich auch der Tod der Ehrlichkeit. Zugleich ist Wahrheit nicht zwingend gleichbedeutend mit Ehrlichkeit. Die Ehrlichkeit ist eine Tugend, die auf die Wahrheit hin ausgerichtet ist. Die Wahrheit dagegen ist keine Tugend und kann es auch gar nicht sein. Wahrheit ist stattdessen die Grundlage dafür, dass es die Ehrlichkeit, aber auch die Lüge gibt. Sie hat einen intrinsischen Wert und stellt an den Ehrlichen, aber auch an jeden anderen Menschen, eine besondere Anforderung, auf die wir antworten müssen.

Entnommen aus: Simon Biallowons/Thomas Schwartz "Ehrlichkeit. Die zeitgemäße Tugend", Kösel Verlag, München 2014


3