Bayern 2 - Gedanken zum Tag


7

Anselm Grün Gedanken zum Tag

Menschliches Miteinander kann nur aus der Vergebung heraus bestehen. Wenn die Partner nicht bereit sind, sich gegenseitig zu vergeben, werden sie sich gegenseitig immer wieder ihre Fehler aufrechnen.

Stand: 29.04.2019

29 April

Montag, 29. April 2019

Menschliches Miteinander kann nur aus der Vergebung heraus bestehen. Wenn die Partner nicht bereit sind, sich gegenseitig zu vergeben, werden sie sich gegenseitig immer wieder ihre Fehler aufrechnen. Die Rechnung, die der andere zu begleichen hat, wird dann im Lauf des Miteinanders immer größer. Aber der andere ist nicht bereit, sie zu bezahlen, sondern präsentiert dem Partner eine Gegenrechnung. Doch mit solchem Aufrechnen ruiniert man die Partnerschaft. Die Vergebung reinigt die Atmosphäre. Wer vergibt, heilt nicht nur sich selbst, er kann auch den anderen wieder bedingungslos lieben, ohne inneren Vorwurf. Wenn Vergebung nicht geschieht, wächst die gegenseitige Aversion. Und irgendwann kann die Liebe in Hass umschlagen. Vergebung heißt zunächst: Ich befreie mich von der negativen Energie, die durch die Verletzung in meiner eigenen Seele herumschwimmt und sie verunreinigt. Dann bedeutet Vergebung: Ich lasse die Verletzung beim Anderen. Ich gebe sie weg. Ich kreise nicht mehr um sie. Die Vergebung geschieht aber nicht aus einer Position des Stärkeren heraus. (…) Ich vergebe vielmehr im Bewusstsein: Auch ich trage meinen Teil der Schuld. Immer vergebe ich zugleich mir selbst und dem anderen. Nur dann geschieht die Vergebung so, dass der andere sie annehmen kann.

Entnommen aus: Anselm Grün "Was die Liebe nährt", Beziehung und Spiritualität, Herder Verlag, Freiburg 2013


7