Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Werner Küstenmacher Gedanken zur Passionszeit

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Startup-Unternehmen, gerade frisch gegründet von einem charismatischen Chef. Ein Dutzend Mitarbeiter. Und der Chef - verschwindet.

Stand: 16.04.2019

Gedanken zur Passionszeit | Bild: picture-alliance/dpa

16 April

Dienstag, 16. April 2019

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Startup-Unternehmen, gerade frisch gegründet von einem charismatischen Chef. Ein Dutzend Mitarbeiter. Und der Chef - verschwindet. "Ich brauch mal ne Auszeit", sagt er und geht in die Wüste, "so für sechs Wochen ungefähr". Ohne Essen, ohne Smartphone, ohne WLAN. So etwa muss es sich angefühlt haben, als Jesus für 40 Tage in die Wüste zog. Was seine Mitarbeiter in der Zwischenzeit gemacht haben, wird in der Bibel nicht berichtet. Jedenfalls ist keiner von ihnen nach Hause gegangen, als der Boss unerreichbar war. Ich habe in den letzten Jahren viele Vorträge von Neuromedizinern und anderen Fachleuten gehört. Alle warnen vor den gesundheitlichen Gefahren der ständigen Erreichbarkeit, dem Non-Stop-Online-Seins. Offline gehen!, raten sie. Das Gerät immer wieder einmal ausschalten, bitte nicht nachts neben das Bett legen, eine großzügige Pausenkultur entwickeln. Dem Zukunftsforscher Matthias Horx ist ein besonders pfiffiges Wortspiel dazu eingefallen: Noch besser als Offline zu gehen, meint er, ist OM-Line. Also nicht nur das Internet, sondern auch die Gedanken abschalten. Ganz leer werden, bis nur noch der Urton zu hören ist, das ganz große Pausenzeichen. Om heißt es in der östlichen Tradition. Bei uns heißt es Amen.

Werner Küstenmacher / unveröffentlichter Text


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