Bayern 2 - Gedanken zum Tag


3

Max Kronawitter Gedanken zur Fastenzeit

Es gehört zu den großen Zeichen vor Ostern, dass der Priester Gottesdienstbesuchern die Füße wäscht. Schon als kleiner Ministrant habe ich mich allerdings gefragt, warum dabei Füße gewaschen werden, die eigentlich sauber sind.

Stand: 11.04.2019

11 April

Donnerstag, 11. April 2019

Es gehört zu den großen Zeichen vor Ostern, dass der Priester Gottesdienstbesuchern die Füße wäscht. Schon als kleiner Ministrant habe ich mich allerdings gefragt, warum dabei Füße gewaschen werden, die eigentlich sauber sind. Wahrscheinlich schrubbt jeder, der dazu eingeladen wird, tagelang zuhause seine Zehen und schneidet seine Nägel, damit er vor dem Priester ein makelloses Bein zeigen kann. Dass das auch anders sein kann, das hat mir eine junge Frau erzählt. Als "Missionarin auf Zeit" war sie im Bolivianischen La Paz, um mit Straßenkindern zu arbeiten. Kurz vor Ostern teilte ihr der Bischof mit, dass er ihre Mädchen und Jungs zur Fußwaschung in die Kathedrale einladen möchte. Bei einem Vorbereitungstreffen erklärte der Bischof den Straßenkindern, dass Jesus mit diesem Zeichen seinen Jüngern gezeigt hat, dass er ihr Diener ist. "Das machen wir jeden Tag", kommentierte einer der Jungs. "Dann müssen Sie uns nicht die Füße waschen, sondern die Schuhe putzen", fügte ein anderer hinzu. Ein Großteil der Straßenkinder bestritt den Lebensunterhalt durch das Polieren von Schuhen an den Plätzen von La Paz. Was es heißt, vor jemandem im Staub zu knien, der herablassend den Service überwacht, davon konnten sie ein Lied singen. Jemanden zu dienen, bedeutete für sie, ihm die Schuhe zu putzen. Der Bischof war von dem merkwürdigen Vorschlag begeistert. Zum ersten Mal wurden in seiner Kathedrale am Gründonnerstag keine Füße gewaschen, sondern verschlissene Schuhe geputzt. Das seltsame Zeichen hat viele neu verstehen lassen, worum es Jesu ging: Nicht um mich bedienen zu lassen, bin ich gekommen, sondern um zu dienen.

Max Kronawitter / unveröffentlichter Text


3