Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Susanne Breit-Keßler Gedanken zur Passionszeit

Ich sause am Wochenende nach Ladenschluss in die Apotheke. Zum Glück hat mein Lieblingsapotheker offen, ein liebeswürdiger Herr aus Taiwan.

Stand: 06.04.2019

06 April

Samstag, 06. April 2019

Ich sause am Wochenende nach Ladenschluss in die Apotheke. Zum Glück hat mein Lieblingsapotheker offen, ein liebeswürdiger Herr aus Taiwan. Vor mir reicht ein junger Mann ein Rezept ein. Sein Baby hat offenbar Asthma und braucht ein Gegenmittel. Herr Chang, so heißt mein Apotheker, prüft die Verschreibung. "Wie alt ist Ihr Kind?", fragt er. "Sechs Monate", sagt der Vater stolz und zugleich besorgt. "Ich kann Ihnen das Mittel nicht geben", sagt Herr Chang. "Aber der Arzt hat das doch verschrieben!", ruft der junge Vater aus. "Ich war extra beim Notdienst!" "Bitte…", beruhigt Herr Chang. "… Schauen Sie selbst. Hier steht: 'Darf Kindern erst ab sechs Jahren verabreicht werden'. Ihr Kind ist mit sechs Monaten zu jung für dieses Medikament. Sie würden ihm sehr schaden". Und er fügt streng hinzu: "Gehen Sie noch einmal zum Arzt und teilen Sie ihm das Alter Ihres Babys mit. Er wusste das sicher nicht … Dann kommen Sie gleich zurück. Ich bin den ganzen Abend hier für Sie da". Der junge Vater entschwindet aufgeregt, aber auch entschlossen. Herr Chang hätte das Rezept einfach ausreichen können - ohne weiter nachzudenken. Stattdessen hat er seine Verantwortung ernst genommen, hat sorgsam nachgefragt und damit Kind und Eltern vor Schaden und Gefahr behütet. Den Fehler eines anderen hat er durch gewissenhaften Gedanken und Worte wettgemacht. Ich bleibe seine treue Kundin. Ganz gewiss.

Susanne Breit-Keßler / unveröffentlichter Text


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