Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Johanna Haberer Gedanken zur Passionszeit

Sieben Wochen ohne Lüge. Nichts für mich, denke ich mir. Da faste ich doch lieber Fleisch oder Alkohol, weil das mit der Lüge, das betrifft mich nicht. Ich lüge eigentlich nicht. Deshalb muss ich auch keine Lügen fasten! Oder?

Stand: 09.03.2019

Gedanken zur Passionszeit | Bild: picture-alliance/dpa

09 März

Samstag, 09. März 2019

"Mal ehrlich". Heißt das Motto der Fastenaktion der Evangelischen Kirche 2019. Mal ehrlich: sieben Wochen ohne Lüge. Nichts für mich, denke ich mir. Da faste ich doch lieber Fleisch oder Alkohol, weil das mit der Lüge, das betrifft mich nicht. Ich lüge eigentlich nicht. Deshalb muss ich auch keine Lügen fasten! Oder? Da fällt mir dann aber siedendheiss ein, welche Ausreden ich neulich gebraucht habe, um eine Sitzung zu schwänzen, welchen Vorwand ich benutzt habe, um einen Termin abzusagen. Ich fühle mich nicht gut...ist so ein Satz, den ich hin und wieder gebrauche, dabei habe ich das Glück ein Mensch zu sein, der sich eigentlich immer gut fühlt. Mal ehrlich, diese kleinen Ausreden, die winzigen Schwindeleien, ich finde, man sollte nicht darauf verzichten. Sie machen das Zusammenleben ein wenig leichter. Vielleicht ist dieses Motto aber dennoch gut, weil ich mir bewusst werde, wie häufig man Schwierigkeiten mit einer kleinen Lüge ausweicht? Dietrich Bonhoeffer der große Theologe und Widerstandskämpfer gegen Hitler, der hat ja grundsätzlich über die Lüge nachgedacht und festgehalten, dass gegenüber Diktaturen und Gewaltregimen Lügen erlaubt und notwendig sind. Aber Schwindeleien aus Feigheit? Sind die nicht auch lebensfreundlich? Ich werde es auf jeden Fall probieren, wie es sich anfühlt: ein Leben ganz ohne die großen und die kleinen Lügen.

Johanna Haberer / unveröffentlichter Text


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