Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Johanna Haberer Gedanken zur Passionszeit

Ich habe die Tendenz, Dinge die mir unangenehm sind und für die ich mich schäme aus meinem Bewusstsein wegzudrücken. Passionszeit ist eine gute Zeit, die Schamecken auszufegen.

Stand: 07.03.2019

Gedanken zur Passionszeit | Bild: picture-alliance/dpa

07 März

Donnerstag, 07. März 2019

Fastenzeit oder Passionszeit, wie immer man diese Tage nach dem Fasching nennt, das ist die Zeit, in der ich in mich gehe. Wo ich Kehraus mache in meinem Leben, alljährliches Grossreinemachen. Und wo ich die Ecken aufspüre, in denen sich der innere Kehricht gesammelt hat: in meinem Herzen, meiner Seele und in meinen Erinnerungen. Ich weiß nicht wie das bei Ihnen ist, liebe Hörerinnen und Hörer: ich habe die Tendenz, Dinge die mir unangenehm sind und für die ich mich schäme aus meinem Bewusstsein wegzudrücken: wo ich undankbar war oder unaufmerksam, wo ich Versprechen nicht gehalten habe und Menschen übergangen habe, wo ich feige war und mich weggeduckt habe, anstatt Partei zu ergreifen, wo ich Missverständnisse nicht ausgeräumt habe, um des lieben Friedens willen. Wo ich gekuscht habe, anstatt solidarisch zu sein. Überall dort liegt der innere Kehricht herum. Das sind die Ecken, wo sich die die Dinge angesammelt haben, die mit Scham verbunden sind. Nicht Hass, nicht Wut, nicht Reue, sondern dieses schlammige, schwammige Gefühl von Scham, das wie eine unklare Verwundung nässt. Früher in meine Jugend wurden Kinder in der Grundschule noch in die Ecke gestellt, wenn sie etwas angestellt hatten, und dort in der Ecke sollten sie sich schämen. Ich habe mich dort nie geschämt, aber für vieles andere später, wo ich mir sage: Du musst Dich ändern. Passionszeit ist eine gute Zeit, die Schamecken auszufegen.

Johanna Haberer / unveröffentlichter Text


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