Bayern 2 - Gedanken zum Tag


3

Björn Vedder Gedanken zum Tag

Wenn wir uns dafür entscheiden sollten, moralisch zu handeln, müssen wir ein Interesse daran haben und moralisch sein wollen.

Stand: 15.02.2019

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

15 Februar

Freitag, 15. Februar 2019

(…) Was wir konkret wollen, darüber entscheidet nicht unser Verstand, sondern unser Interesse. Deshalb liefert uns die entscheidende Motivation für unser Handeln auch dieses Interesse und nicht die rationale Überlegung. Unser Interesse sagt uns, was wir wollen, und der Verstand, wie wir es erlangen. Damit ist weder gesagt, dass wir uns all unseren Wünschen unterwerfen müssen, noch ist ausgeschlossen, dass wir uns auch von moralischen Überlegungen leiten lassen. Aber auch dann, wenn wir uns dafür entscheiden sollten, moralisch zu handeln, müssen wir ein Interesse daran haben und moralisch sein wollen. Deshalb will ich gar nicht bestreiten, dass ein Großteil der moralischen Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft berechtigt ist und dass viele Vorschläge, wie es in dieser Gesellschaft sein müsste, damit es gerechter zuginge, und wie die Menschen sich verhalten müssten, damit sie besser wären, die Vernunft auf ihrer Seite haben. Ich glaube aber nicht, dass der Aufweis dieser Überlegenheit hinreicht, um die Bürger und Bürgerinnen dazu zu motivieren, ihr Verhalten zu ändern. Wer an den Gerechtigkeitssinn der Bourgeois appelliert, steht auf verlorenem Posten – es sei denn, er kann ihnen zeigen, dass dieses Gerechte in ihrem Interesse ist oder zumindest wohlfeil zu haben. Auf die freiwillige Bindung des Willens an die Moral kann man nicht hoffen.

Entnommen aus: Björn Vedder "Reicher Pöbel. Über die Monster des Kapitalismus", Büchner-Verlag, Marburg 2018, S. 161 f


3