Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Katharina Ceming Gedanken zum Tag

Wir hören bei Eckhart nichts von den verlorenen Sündern und den ihnen blühenden Höllenstrafen. Er scheint die gängige Sünden- und Bußlehre seiner Zeit mehr oder weniger zu ignorieren.

Stand: 09.02.2019

Gedanken zum Tag | Bild: colourbox.com/Montage: BR

09 Februar

Samstag, 09. Februar 2019

Auch wenn Meister Eckhart die radikale Abhängigkeit alles Geschaffenen von Gott ein ums andere Mal betont, so sticht gerade sein sehr positives Menschenbild ins Auge. Nicht die Angst vor dem kommenden Gericht prägt den Inhalt seiner Predigten, sondern die Zuversicht, dass jeder Mensch derselbe Sohn wie Jesus Christus werden kann, dass also jeder Mensch das vollkommene Heil erfahren kann. Wir hören bei Eckhart nichts von den verlorenen Sündern und den ihnen blühenden Höllenstrafen. Er scheint die gängige Sünden- und Bußlehre seiner Zeit mehr oder weniger zu ignorieren. Wo nach scholastischem Verständnis zwischen Reue und Bußstrafen zu unterscheiden war - der Mensch bereut, und Gott verzeiht ihm, aber die zeitlichen Sündenstrafen bleiben weiter bestehen, die der Mensch durch Bußwerke ableisten muss -, ist nach Eckharts Überzeugung mit der Reue alles erledigt. Diese Sicht hängt wohl mit Eckharts radikaler Einheitslehre zusammen. Wenn Gott der Alleinseiende ist, dann ist die Sünde nichts anderes als Abwendung von Gott. Doch wohin wendet sich der Mensch, der sich von Gott abwendet? Er wendet sich zum Nichts. Dieses Nichts hat aber keine eigene Seinshaftigkeit, weil nur Gott allein beanspruchen kann, zu sein.

Entnommen aus: Katharina Ceming "Lass mal! Mit Meister Eckhart ins Hier und Jetzt", Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2018


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