Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Kristian Fechtner Gedanken zum Tag

Die Rede über Glaubensfragen ist nicht im strengen Sinne tabu, aber sie gehört in den Bereich des lntimen, der nach außen mehr oder minder verschlossen bleibt.

Stand: 10.01.2019

10 Januar

Donnerstag, 10. Januar 2019

Religiöse Äußerungen und christliche Glaubenssätze (…) kommen in der lebensweltlichen Kommunikation heute eher selten vor. Dies gilt zumindest dort, wo es um Persönliches geht. Kaum etwas bleibt so gut verborgen wie das, woran einer eigentlich glaubt, worauf sie hofft oder gar was er insgeheim erbittet. Was Menschen innerlich religiös bewegt, erfahren Fremde selten und oft auch nicht diejenigen, die ihnen nah sind. Manch eine weiß gar nicht, ob der Partner, mit dem das Leben teilt, nicht dann und wann ein Gebet zum Himmel schickt, während er wiederum nichts davon erfährt, was ihr am Grab ihres Vaters durch den Sinn gehen mag. (…) Die Rede über Glaubensfragen ist nicht im strengen Sinne tabu, aber sie gehört in den Bereich des lntimen, der nach außen mehr oder minder verschlossen bleibt. (…) Das Nichtreden über religiöse Momente des eigenen Lebens zeugt nicht davon, dass Religion belanglos ist, sondern ist selbst emotional hochbesetzt und damit gerade unausgesprochen bedeutsam. Dies hat im Kontext heute gelebter Kirchlichkeit wesentlich mit Scham zu tun. Sie tritt zutage, wenn zu spüren ist, wie befangen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen in Situationen werden (können), in denen sie religiös Auskunft über sich selbst geben.

Entnommen aus: Kristian Fechtner "Diskretes Christentum. Religion und Scham", Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015


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