Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Walter Rupp Gedanken zum Tag

Die wunschlos glücklichen Menschen sind, wenn es sie je gab, ausgestorben. Zufriedenheit gibt es nicht mehr. Manche vermuten: der Wohlstand habe sie vertrieben!

Stand: 08.01.2019

08 Januar

Dienstag, 08. Januar 2019

Thales von Milet, mit dem die abendländische Philosophiegeschichte beginnt, sagte von sich, er habe drei Gründe, dem Schicksal dankbar zu sein: weil er als Mensch und nicht als Tier, weil er als Grieche und nicht als Barbar, und weil er als Mann und nicht als Frau geboren wurde. Dass wir Menschen - im Unterschied zu Tieren - Bewusstsein haben, ist ein Vorzug. Dass Thales jedoch glaubte, er habe als Grieche mehr Grund, auf seine Abstammung stolz zu sein als Angehörige anderer Völker, ja Männer wären Frauen gegenüber überlegen, beweist, dass er nicht frei war von Überheblichkeit und Vorurteilen. Man kann diesen Gründen für das Glücklichsein drei Gründe für das Unglücklichsein entgegenstellen. Es beginnt immer dann, wenn einer sein Dasein nicht mehr als Geschenk empfindet, sich nicht, wie er ist, annehmen will und nach dem, was andere haben, schielt. Man kann Glück nicht mit dem Anhäufen von Besitz steigern. Es kann nur dort entstehen, wo einer für das, was er ist und was er hat, Dankbarkeit empfindet. Und es schwindet, wenn einer sich an das, was ihm geschenkt wurde, nicht mehr erinnert. Wer könnte von sich sagen: Wenn eine Glücksfee zu mir käme und mir anbieten würde, mir einen Wunsch zu erfüllen, ich käme in Verlegenheit? Ich wüsste nicht, was ich wünschen sollte und müsste sie wegschicken? - Die wunschlos glücklichen Menschen sind, wenn es sie je gab, ausgestorben. Zufriedenheit gibt es nicht mehr. Manche vermuten: der Wohlstand habe sie vertrieben!

Walter Rupp SJ / unveröffentlichter Text


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