Bayern 2 - Gedanken zum Tag


6

Heidi Kastner Gedanken zum Tag

Das Böse ist für mich die Negation des Lebendigen, ist alles, was Veränderung verhindert.

Stand: 31.10.2018

Gedanken zum Tag - Mittwoch | Bild: colourbox.com; Montage: BR

31 Oktober

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Ich bin oft gefragt worden, wie ich das Böse definieren würde, offenbar in der Annahme, dass ich ihm ja laufend begegne. Lang ist es mir schwergefallen, darauf eine Antwort zu geben: Das bocksgehörnte, schwefelstinkende Modell hat ausgedient, auch die "Graduierung des Bösen", das Einteilen in Schweregrade, ist mir immer etwas naiv erschienen, wie ein Versuch, einem nicht Fassbaren mit einem Maßband zu Leibe zu rücken, so, als ob man das Volumen des Pazifik mit einem Esslöffel vermessen wollte. Mittlerweile habe ich für mich eine Definition gefunden, die vieles von dem umfasst, was mir beruflich begegnet, aber auch vieles, das weit weniger offensichtlich dem so genannten Bösen zuzuordnen ist: Das Böse ist für mich die Negation des Lebendigen, ist alles, was Veränderung verhindert. Es behauptet sich, indem es kein anderes zulässt und, indem es lieber zerstört, als dass es Erneuerung akzeptiert, es behindert Menschen in der Entfaltung ihres Potenzials, verhindert Wachstum und bisweilen auch natürlichen Niedergang, hemmt das Werden und zementiert das Sein.

Entnommen aus: Heidi Kastner "Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl", K&S Verlag, Wien 2014


6