Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Gerlinde Unverzagt Gedanken zum Tag

So wachsen in der Familie Riesen heran, denen die bittere und heilsame Erfahrung unweigerlich bevorsteht, dass sie außerhalb ihrer Familie nur Zwerge sind.

Stand: 08.10.2018

Gedanken zum Tag - Montag | Bild: colourbox.com; Montage: BR

08 Oktober

Montag, 08. Oktober 2018

Im Glauben, nur der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sei dem Kind ein angemessener Ort, sind wir jahrelang bereitwillig in die Rolle der Haushälterin, des Lerncoaches, der Putzfrau, des Geldautomaten, des Chauffeurs und der Animateurin geschlüpft und sind dabei zu Dienstmädchen und Lakaien geworden. Wir sonnen uns im Gefühl, gebraucht zu werden. (...) Die meisten Menschen reagieren verärgert auf diese großen Kinderplaneten, die von ihren kleinen Elternmonden emsig umkreist werden. In einer seltsamen Verkehrung der Rollen haben wir als Leitwölfe abgedankt, und jetzt sind die Welpen an der Macht?: Familienoberhaupt ist heute das Kind - eine Rolle, die es nicht ausfüllen kann. Denn Kinder suchen Orientierung und lernen über Modelle. Sie brauchen und wollen Vorbilder und kriegen es mit Erwachsenen zu tun, die sich kleinmachen. So wachsen in der Familie Riesen heran, denen die bittere und heilsame Erfahrung unweigerlich bevorsteht, dass sie außerhalb ihrer Familie nur Zwerge sind. Vielleicht bleiben sie auch deshalb so oft lieber im Nest hocken, als die Entdeckung zu riskieren, dass einen außerhalb der Familie wenige so hochgradig toll wie die Eltern daheim finden werden?

Entnommen aus: Gerlinde Unverzagt "Generation ziemlich beste Freunde. Warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kinder loszulassen", Beltz Verlag, Weinheim 2017


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