Bayern 2 - Gedanken zum Tag


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Terry Eagleton Gedanken zum Tag

Wer die Religion von der Vernunft abkoppelt, macht sie immun gegen jede rationale Kritik.

Stand: 03.01.2018

Gedanken zum Tag - Mittwoch | Bild: colourbox.com; Montage: BR

03 Januar

Mittwoch, 03. Januar 2018

Wer die Religion von der Vernunft abkoppelt, macht sie immun gegen jede rationale Kritik. Ein solcher Glaube hat keine Aussage, lässt sich also auch nicht als wahr oder falsch beurteilen. Wenn Religion Gefühl ( ... ), leidenschaftliche innere Überzeugung (... ) oder im Wesentlichen eine Form der symbolischen Praxis ( ... ) ist, dann lässt sich kaum dagegen argumentieren, ebenso wenig wie gegen Arthritis oder einen Hurrikan. Doch das ist nicht unbedingt ein Vorteil. Überzeugung und Erfahrung können in einer individualistischen Gesellschaft, die Wert auf Innerlichkeit legt, hohe Werte sein, aber sie können kaum jene gemeinsame Grundlage bilden, die ein religiöser Glaube braucht, um eine ideologische Wirkung zu entfalten. Sie sind zu sehr dem persönlichen Geschmack unterworfen, um einen gesellschaftlichen Konsens zu sichern. (…) Es ist durchaus richtig, dass Gefühl und Gemeinschaft eine Verbindung eingehen können. Wenn Religion im Wesentlichen Herzenssache ist ( ... ), dann bringen diese einfachen, universellen, spontanen Gefühle Individuen eher zusammen als irgendwelche abstrusen Wahrheiten. Doch je mehr man diese Gefühle in Vorstellungen und Begriffe gießt, desto stärker drohen sie die Gemeinschaft wieder zu spalten.

Entnommen aus: Terry Eagleton "Der Tod Gottes und die Krise der Kultur", Pattloch Verlag, München 2015


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