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"Im Zentrum der terroristischen Ideologie" Gespräch mit Raja Alem über ihr neuen Roman "Sarab"

An einem Morgen des Jahres 1979 hält die Welt den Atem an. Ein Trupp von terroristischen Fanatikern besetzt die Große Moschee in Mekka und nimmt Tausende von Gläubigen als Geiseln. Unter den Aufständischen, in Männerkleidern versteckt, ist das Mädchen Sarab. Auf der Flucht durch die Katakomben stößt sie auf einen bewusstlosen französischen Soldaten. Es beginnt eine Geschichte, die alle Grenzen überschreitet.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 26.07.2018

Raja Alem | Bild: picture-alliance/dpa

"Im Zentrum der terroristischen Ideologie"

Cornelia Zetzsche: Ihr letzter Roman, Raja Alem, “Das Halsband der Tauben”, ist eine Kriminalgeschichte und spielt in Mekka, der Heiligen Stadt, Ihrer Heimatstadt, „Sarab“ führt nun ins Herz des islamistischen Terrors. Woher kam für Sie der Impuls zum Roman, zum Thema Terrorismus?

Raja Alem: "Diese Geschichte von der Besetzung der Heiligen Moschee 1979 hatte ich immer im Kopf, sie verfolgte mich, und ich hatte Angst, mich diesem Thema zu nähern, aber es entwickelte sich in meinem Kopf. Und nach meinem letzten Roman, „Das Halsband der Tauben“ wollte ich ins Zentrum der terroristischen Ideologie."

Das Thema verfolgte Sie?

"Wissen Sie, es gab diesen Widerspruch zwischen dem Heiligen und dem Unheiligen. Wie kann der Teufel an einem solchen Ort Gestalt annehmen? Heute ist der Terror  wie ein Virus, der sich über die ganze Welt verbreitet. Ein paar Leute kommen und denken, sie seien im Besitz der absoluten Wahrheit, mit dem Recht, andere zu töten. Ich kann diese Ideologie des Todes nicht verstehen, die sich von der Heiligen Moschee aus verbreitet hat. Die Leute in der Moschee damals waren Vorboten dieser Ideologie. Das war der Ursprung des Terrors heute, ob individuell oder Isis oder al-Qaida oder was auch immer. Für mich war das der Ursprung von allem, der Kopf der Schlange."

Der Roman beginnt 1979 mit einem Inferno in der Großen Moschee mit Blut und Tränengas im Heiligen Bezirk, Islamisten stürmen die Moschee und nehmen Geiseln. Saif, ein Islamistischer Kämpfer, „das Schwert Gottes“, nimmt einen Feind gefangen, einen französischen Soldaten, und entpuppt sich später als junge Frau, als Sarab, die sich in Raphael, ihre französische Geisel verliebt. Die beiden können entkommen, erleben aber den Horror, die Gewalt des religiösen Fundamentalismus. In ihrem letzten Roman war die Textur wichtiger als der Plot, bei „Sarab“ ist die Handlung von unglaublicher Spannung.

"Ich bin eigentlich keine Geschichtenerzählerin, aber das ist eine Geschichte, sie drängte sich mir auf. Einerseits ist es ein Plot, zugleich ist es ein Angriff auf Begrenzungen. Wir alle sind in der Gesellschaft gefangen in diesen Rastern, durch unser Geschlecht, Mann oder Frau, durch unseren Glauben, ob Moslems, Juden, Christen, Buddhisten, Atheisten oder was auch immer. Diese Begrenzungen nerven mich. In allen meinen Büchern spreche ich davon, die Grenzen des Geschlechts zu durchbrechen. Meiner Meinung nach sind wir nicht männlich oder weiblich, ich glaube an ein androgynes Wesen. Im Buch trainierte die Mutter Sarab nicht nur eine Feindin anderer zu sein, sondern sogar eine Feindin ihrer selbst, ihres Lebens. Sarab bewegt sich zwischen ihrer Existenz als Mann oder Frau, als Fundamentalist und Terrorist oder als Mensch, der das Leben genießt in Paris und anderswo. Für mich ist das eine grundlegende Frage."

Sie stellen Fragen in Ihren Romanen, finden Sie beim Schreiben auch Antworten?

"Es ist nicht unsere Aufgabe Antworten zu finden, nur einen Weg, sich auszuprobieren. Mir geht es um das Experiment, wenn wir aufhören zu experimentieren, wenn wir denken, wir haben die absolute Wahrheit gepachtet, werden wir zu Fundamentalisten, zu Terroristen. Ich finde für mich persönlich Antworten, für mein Leben, aber meine Bücher sind Fragen, damit jeder seinen Weg findet."

Im Rückblick wird Sarabs Geschichte erzählt: Ein Beduinenmädchen, das keine Tochter sein darf, das dem Zwillingsbruder in eine islamistische Gruppe folgt. Haben Sie eine Erklärung, weshalb islamistischer Terror so attraktiv für Sarab und für junge Männer ist?

"Als Teenager glaubte ich wirklich, ich könnte mein Leben opfern, ich könnte im Kampf in erster Reihe stehen oder einen Sprengstoffgürtel tragen, um unser Leben zu verteidigen, unser Land, was auch immer. Wenn wir jung sind, zieht uns das Extreme an, Extremismus ist extrem. Unsere Welt sieht sich in einem großen Dilemma, es gibt nur noch eine materialistische Kultur, keinen Raum für den Geist. Wir hören von Isis und dem Islamischen Staat, und junge Leute wollen diesen Idealismus, das Absolute. Aber wenn sie im Feld stehen, sehen sie, wie es wirklich ist. Sarab erkennt die Realität in der Großen Moschee: Es gibt nicht nur eine Wahrheit, der Ruhm, der Traum, den sie und ihr Bruder suchten, war nur eine Illusion, der Versuch, Macht zu gewinnen und anderen eine Wahrheit, eine Stimme, einen Glauben aufzuzwingen.

Sarab und Raphael, Ihre beiden Helden, Sarab vor allem, können entfliehen, aber für Sarab endet die Flucht in einem Lager im Jemen. Dieses Lager führt ins Herz des islamistischen Terrors. Wie haben Sie recherchiert, dieses Lager im Jemen zum Beispiel?

"Ich habe viel recherchiert, über Sprengstoff zum Beispiel. Aber meine Hauptinformation kam von einem Mann, der wirklich an der Besatzung beteiligt war und fliehen konnte. Er war der Ursprung meines Muts, mich in diese Geschichte zu begeben. Mich verfolgte diese Belagerung, aber dann traf ich diesen alten Mann, der mir die Geschichte erzählte und von dem ich die meisten Informationen bekam. Informationen über das Lager in Jemen bekam ich hier und dort. Ich machte Fiktion daraus, aber in jeder Fiktion liegt Wahrheit."

Sie sind Saudi-Arabierin, leben aber meist in Paris. Wie gehen Sie um mit der Politik Saudi-Arabiens, dem rigiden Islam des Wahhabismus, der Unterstützung von Terror?

Raja Alem: "Sarab"

Eine Leseempfehlung von Cornelia Zetzsche
Aus dem Aarabischen übersetzt von Hartmut Fähnrich
Unionsverlag 2018, 352 Seiten für 24 Euro
Mehr dazu im "Diwan", dem Büchermagazin auf Bayern 2

"Ich möchte nicht gern in politische Theorien involviert werden. Aber zur Zeit gibt es eine große Öffnung in Saudi-Arabien. Für mich ist das, als würde ein Traum wahr. Frauen in Saudi-Arabien waren immer aktiv, sie hatten Jobs, übernahmen Verantwortung für die Familie, sie waren aktiv, aber hinter dem Schleier. Und plötzlich wurde dieser Schleier weggezogen, und nun stehen Frauen ganz vorn. Das beschäftigt mich, diese Sehnsucht nach Veränderung. Ich war kürzlich in Saudi-Arabien wegen einer Familienkrise, ich mußte dort sein und war wirklich überrascht, wie anders es jetzt ist. Letztlich sind wir ganz normale Menschen. Und diese Veränderung ändert auch die Mentalität. Hinter dem Schleier gab es Zellen der Dunkelheit, aber nun gibt es eine Öffnung, und mehr und mehr ändern sich diese Zellen der Dunkelheit, in der Menschen fundamentalistische Ideologien pflegten. Aber in die Politik des Landes möchte ich nicht involviert werden, denn ich bin keine politische Expertin."


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