Bayern 2 - Diwan - Das Büchermagazin


33

Klassiker der türkischen Avantgarde "Die Haltlosen" von Oğuz Atay

Ein kleiner Berliner Verlag für türkische Literatur in deutscher Sprache hat ein großes Projekt in die Tat umgesetzt: Der opulente Roman "Die Haltlosen" von Oğuz Atay liegt nun erstmals in einer Übersetzung vor. Eine Entdeckung für deutsche Leser.

Stand: 25.07.2016

Buchvover: Oğuz Atay, "Die Haltlosen" | Bild: Binooki Verlag; Montage: BR

Turgut Özben ist Bauingenieur und führt ein geordnetes Leben als Ehemann und Vater. Eines Tages erfährt er aus der Zeitung, dass sein ehemals bester Gefährte Selim Işık tot ist. Er hat Selbstmord begangen, eine Nachricht, die Turgut nicht loslässt und ihn aus seiner gewohnten Existenz heraustreibt: Er macht sich auf, um Selims Freunde nach dessen Leben zu befragen und vielleicht etwas von seinem Sterben zu erfahren. Diese Suche führt ihn in ganz unterschiedliche Kreise, sie zeichnet nach und nach das Porträt eines "Haltlosen" - und sie verändert auch den Suchenden selbst.

Textsorten, Referenzen, Tonlagen

Der Roman von Oğuz Atay stellt die großen Fragen nach Leben, Liebe und Tod - und er spielt mit ihnen ein ambitioniertes Spiel. Der Autor integriert ganz unterschiedliche Textformate: Erzählung, Protokoll, Brief, Tagebuch, Gesang, Katechismus, Enzyklopädie-Eintrag, Szene, Fußnote. Es gibt lange Passagen eines Bewusstseinsstroms ohne Punkt und Komma, es gibt Verse, Textstellen mit vielen Osmanismen und solche im Slang der modernen Türkei. Mit zahlreichen Verweisen auf Kulturgeschichte und Literatur Europas schreibt sich der Roman auch in die westliche Tradition ein: Es finden sich Referenzen an Kafka, Nietzsche, Oscar Wilde und Søren Kierkegaard, Dostojewski und Balzac, Hardy, Keats, Shelley und Tschechow. Auch die Popkultur kommt mit King-Kong oder Cowboyfilmen vor.

Atays Roman ist in der Türkei ein Klassiker der Avantgarde und wird mit dem "Ulysses" von James Joyce oder Michail Bulgakows "Meister und Margarita" verglichen. Das Formbewusstsein des Textes kommt seiner atmosphärischen Dichte nicht in die Quere, die von Ironie bis Innigkeit sehr viele Tonlagen bespielt. Turguts Versuch einer "Selimologie" ist die hingebungsvolle Annäherung an einen Menschen, der sich schwer greifen lässt, obwohl er ein Freund war, und er ist auch eine Hommage an alle "Haltlosen" dieser Welt, jene "unbeholfenen und furchtsamen" Wesen, die es nicht verstehen, "in Gemeinschaft zu leben" und "leicht zu jagen" sind.

"Ich sollte ein Buch kaufen mit einem Titel wie Psychologie des Selbstmords. Ich glaube nicht, dass ich einen Abschnitt darüber finden werde. Du kennst alle Bücher, ohne sie gelesen zu haben. So bin ich. Selim kann das bezeugen. Ich könnte an diese oder jene Fakultät gehen und die entsprechenden Vorlesungen besuchen. Dann, nach der Hälfte der Vorlesung, würde ich durch die Hintertür ausbüchsen und in der Klausur abschreiben: alle Prüfungen sehr gut, aber null Punkte in Selimologie. Nein, so wird das nichts. Ich könnte mich am Lehrstuhl für Dingsbums an der gleichen Fakultät bewerben: Dürfte ich bitte eine Dissertation zum Thema Selim schreiben? Ja. Nur müssen Sie eine Fremdsprachenprüfung ablegen. Wieder nichts. Aber warum ist er denn dann tot? Antworten Sie mir oder lassen Sie es mich selbst herausfinden. Er ist doch gar nicht tot. Er hat sich in einer Ecke versteckt, beobachtet mich und macht sich über mich lustig."

aus: Oğuz Atay, Die Haltlosen, aus dem Türkischen von Johannes Neuner, 768 Seiten, binooki-Verlag 2016,

Ein kühnes Romandebüt

Die politische Geschichte der Türkei steht nicht im Zentrum von Oğuz Atays Roman, dennoch ergibt sich auch ein Porträt der türkischen Gesellschaft. Die Schulszenen etwa zeigen ein autoritäres System, in dem die Angst vor dem Lehrer beherrschend ist und schon die Kleinsten als gute Staatsbürger aufzutreten haben.

Oğuz Atay | Bild: Ara Güler

Oğuz Atay

Dagegen setzt die kontrollierte Anarchie des Romans einen unangepassten Einzelnen - und fand damit Millionen Leser im Land. Der Roman erschien erstmals 1972, wurde aber erst Mitte der 80er-Jahre in einer späteren Auflage berühmt und ist seither fest im intellektuellen Gedächtnis der Türkei verankert. Oğuz Atay, geboren 1934 und wie sein Romanheld ausgebildeter Ingenieur, arbeitete als Dozent für Bauwesen an der Technischen Universität Istanbul, als er zu schreiben begann. "Die Haltlosen" ist sein Romandebüt, für das er mit einem Literaturpreis des türkischen Rundfunks TRT ausgezeichnet wurde. Obwohl der Schriftsteller nur eine siebenjährige Schaffensphase nutzen konnte - Atay starb mit 43 Jahren an einem Gehirntumor -, war sein Werk sehr einflussreich für die türkische Literatur. Dass das Buch über die Landesgrenzen hinaus weniger bekannt ist, dürfte auch an der Herausforderung liegen, die es an jeden Übersetzer stellt. Nun legt der kleine Berliner binooki-Verlag eine deutsche Erstausgabe vor, die Übersetzung stammt von Johannes Neuner.

Großprojekt eines kleinen Verlages

Hinter binooki stehen die Schwestern Inci Bürhaniye und Selma Wels. Sie haben sich der Veröffentlichung türkischer Literatur in deutscher Sprache verschrieben, nachdem sie 2010 auf der Istanbuler Buchmesse feststellen mussten, dass in diesem Bereich noch einiges zu tun ist. 2011 gründeten sie ihren Verlag, 2012 erschien das erste Programm. Inzwischen haben die beiden Verlegerinnen einige Preise für ihre Arbeit erhalten, die sie erklärtermaßen auch als einen Beitrag dazu verstehen, "die Kulturen ihrer beiden Heimaten zu verbinden". Gerade in Zeiten, in denen die Verständigung zwischen Europa und der Türkei so schwierig ist wie derzeit, ist das eine dringlich gewordene Aufgabe. Wie fruchtbar eine Zusammenarbeit sein kann, wie sehr sich beide Kulturkreise anregen können, das lässt sich im bisher wohl ambitioniertesten Projekt des kleinen Verlages nachlesen: in Oğuz Atays großem Roman "Die Haltlosen".

Diwan-Gespräch

Für das Bayern 2-Büchermagazin hat Cornelia Zetzsche mit Verlegerin Selma Wels über "Die Haltlosen" von Oğuz Atay, die Arbeit eines kleinen Verlags an einem so gewichtigen Werk und die aktuelle Situation in der Türkei gesprochen.
Samstag, den 30. Juli 2016 ab 14:05 Uhr.


33