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Marlene Streeruwitz: "Flammenwand" Ein betrügerisches Spiel in Liebe und Politik

Marlene Streeruwitz polarisiert. Die einen schätzen die österreichische Schriftstellerin als politisch radikale, ästhetisch kompromisslose Zeitdiagnostikerin, die anderen können mit Streeruwitz’ streng modernistischem Stil und der entschiedenen feministischen Stoßrichtung ihrer Bücher nicht ganz so viel anfangen. Im Verlag S. Fischer ist nun ein neuer Streeruwitz-Roman erschienen: „Flammenwand“ – einmal mehr ein Werk mit hochpolitischem Anspruch.

Von: Günter Kaindlstorfer

Stand: 21.07.2019

Betrügerisches Spiel in Liebe und Politik von Marlene Streeruwitz | Bild: BR Bild

"Flammenwand"

Marlene Streeruwitz hat auch in ihrem jüngsten Roman, wie in einem Dutzend früheren, das große Ganze im Blick – das Individuelle und das Allgemeine, das Symptomatische und das Sinnfällige, das Private und das Politische. Und wieder steht, wie stets bei dieser Autorin, eine Frau im Mittelpunkt des Geschehens. Adele, so heißt Streeruwitz’ Protagonistin, hat sich von ihrer Stelle als Universitäts-Dozentin im Fach „Deutsch als Fremdsprache“ karenzieren lassen, um für ein Jahr nach Stockholm zu übersiedeln. In der schwedischen Hauptstadt nimmt sich die 52-jährige Wienerin eine Wohnung, zusammen mit ihrem Geliebten, einem Berliner Korruptionsjäger und Steuerfahnder namens Gustav. Alles könnte so schön, ja, richtiggehend romantisch sein, wenn Gustav nicht – impotent wäre.

"Jeden Morgen zog er sie zu sich. Legte sie neben sich und machte es ihr. Er schlief nicht mit ihr. Er befriedigte sie. Er hielt sie mit dem einen Arm um die Schultern umfangen. Er hielt sie so, dass er es bequem dabei hatte. Der linke Arm um die Schultern. Die rechte Hand zwischen ihren Beinen. Die Finger gleitend. Suchend. Wissend."

aus: 'Flammenwand', S. Fischer Verlag

Man könnte Gustavs Beiwohnungsunfähigkeit allerdings auch anders sehen – und in bestimmten Momenten tut Adele das auch: als Zurückweisung:

"Er wies sie ab. Jeden Morgen wies er sie ab. Genau genommen wies er sie ab, indem er sie befriedigte."

aus: 'Flammenwand'

Adeles Beziehung zu Gustav gerät in eine dramatische Krise, als sie ihn eines Tages – von der Straße aus – in einer Stockholmer Konditorei sitzen und mit konzentrierter Miene ein sms tippen sieht. Das kann nur an sie adressiert sein, denkt Adele, aber sie irrt sich: Gustav setzt einen Akt des Liebesverrats. Der Lover, bald gibt es keinen Zweifel mehr, führt ein ruchloses Doppelleben. Es gibt eine andere. Adele empfindet das als brutale Demütigung. Auch wenn frau glaubt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, kann sie von einem Repräsentanten des Patriarchats jederzeit zum Opfer gemacht werden – it’s  always the same old story:

Marlene Streeruwitz:
"Ja, das ist das Ergebnis von Erfahrung und wahrscheinlich sogar von dem, was Erfahrung genannt wird. Ich komme immer mehr dorthin, dass die Situation der Frau bei weitem unterdrückter, hässlicher, kleiner ist, als wir’s uns träumen lassen. Und diese Frau ringt um einen würdigen Vertrag mit ihrem Partner, der ausschließt, dass sie betrogen und belogen wird..."

... und wird dabei drastisch enttäuscht. In der für Marlene Streeruwitz typischen Diktion aus kurzen, stakkatohaften Sätzen – einem feministisch inspirierten Stream of consciousness – tauchen wir in Adeles Gefühls- und Gedankenwelt ein. Wir blicken zurück auf die Kindheits- und Jugendjahre der Protagonistin in einer österreichischen Nachkriegsfamilie, wir lernen ihren Vater kennen, einen autoritären, bürgerlichen Schuldirektor, der seine Kinder regelmäßig mit einer Rute zu verdreschen pflegt, die Versehrungen der Kindheit werden ebenso thematisiert wie das Weiterwirken der NS-Vergangenheit in die Nachkriegsjahrzehnte hinein.

Marlene Streeruwitz hat ihrem Buch einen doppelten Boden eingeschrieben. „Roman mit Anmerkungen“ heißt der Band im Untertitel, und diese Anmerkungen, die immerhin 45 Seiten umfassen, bilden eine zweite Ebene, eine Art Metatext am Ende des Romans, in dem die Autorin eine Chronik der Niederträchtigkeiten auflistet, die sich die ÖVP-FPÖ-Regierung für sozial Schwache, vor allem aber für Asylwerberinnen und Asylwerber ausgedacht hat.

Marlene Streeruwitz:
"In vielen Romanen wird Politisches verhandelt, ich weiß aber dann nie, woher und woraus, und ich dachte, es ist einmal notwendig, den eigenen Schreibprozess in diese Welt hineinzustellen und das auch einmal zu markieren."

Streeruwitz’ Roman ist nicht nur eine scharfe Abrechnung mit den patriarchalischen Verhältnissen, die Frauen – allen emanzipatorischen Lippenbekenntnissen zum Trotz – immer noch zu Menschen zweiter Klasse herabstufen, der 400-Seiten-Band lässt sich auch als beißende Attacke auf ein politisches System lesen, in dem rechtsdemagogische Ideologie und neoliberale Praxis eine unheilvolle Allianz eingehen.

Die Gattung des Romans, davon ist Streeruwitz überzeugt, ist anderen Genres in seiner Vielschichtigkeit nach wie vor überlegen:

 Marlene Streeruwitz:
"Es ist der Versuch, auf eine sehr spezifische Wahrheit zu kommen, und es ist das Einfangen von Welt, wie in einer dieser Glaskugeln, in der der Schnee geschüttelt werden kann, aber es kann von allen Seiten besehen werden, und es ist für alle Zeiten niedergelegt und unübergehbar."

„Flammenwand“ ist eine alles andere als leichte Lektüre. Wie immer bei Streeruwitz kommt auch dieser Roman fordernd, radikal und kompromisslos daher. Aber es ist nun einmal nicht zu übersehen: Die Zeiten werden härter. Mit netter, gefälliger Literatur kommt man dagegen nicht mehr an.


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