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Trump als Paradebeispiel für pathologischen Narzissmus "Die toxische Macht der Narzissten"

Eigentlich widerspricht es dem Berufsethos, was Marie-France Hirigoyen gleich am Anfang ihres Buches tut: Entgegen der „Goldwater-Regel“, die psychologische Ferndiagnosen untersagt, attestiert die französische Psychoanalytikerin Donald Trump „klinischen Narzissmus“. Aber: In der Tatsache, dass dieser grandiose Narzisst Trump zum Präsidenten Amerikas gewählt wurde, erkennt Hirigoyen auch: Der Narzisst Trump ist nichts weniger als der Spiegel einer narzisstischen Gesellschaft. Einer von 6 Buch- und Hörtipps im Büchermagazin Diwan.

Von: Stephanie Metzger, Eva Demmelhuber

Stand: 26.06.2020

Buchcover "Die Toxische Macht der Narzissten" von Marie-Fance Hirigoyen | Bild: C.H.Beck Verlag, Montage: BR

Die heutige Welt begünstigt Narzissten - so die These der Psychoanalytikerin und Bestsellerautorin Marie-France Hirigoyen. Narzissten gewinnen immer mehr Macht in unserer Gesellschaft und vergiften das Zusammenleben, von der Politik über die Arbeitswelt bis hinein in die Familien.

"Auch jemand, der kein Psychologe und Psychiater ist, merkt sofort, dass mit Donald Trump etwas nicht stimmt. Denen, die nicht wissen, was unter 'pathologischem Narzissmus' genau zu verstehen ist, liefert der Präsident der Vereinigten Staaten mit seiner Prahlerei, seinem extravertierten Verhalten, seiner absoluten Hemmungs- und Empathielosigkeit ein karikatureskes Beispiel", schreibt Marie-France Hirigoyen in ihrem neuen Werk "Die toxische Macht der Narzissten".

Eigentlich widerspricht es dem Berufsethos, was Marie-France Hirigoyen gleich am Anfang ihres Buches tut – und drängt sich doch so auf. Entgegen der „Goldwater-Regel“, die psychologische Ferndiagnosen untersagt, attestiert die französische Psychoanalytikerin Donald Trump „klinischen Narzissmus“. In seinen öffentlichen Auftritten, den beständigen Tweets, Medienbildern und Reden und in seiner Biografie erkennt Hirigoyen die Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung: Selbstüberschätzung, Egomanie, Verlangen nach Bewunderung, Unfähigkeit zur Empathie, soziales Ausbeutertum, Neid. Aber: In der Tatsache, dass dieser grandiose Narzisst Trump zum Präsidenten Amerikas gewählt wurde, erkennt Hirigoyen auch: Der Narzisst Trump ist nichts weniger als der Spiegel einer narzisstischen Gesellschaft.

"Tatsächlich scheint es, dass das Phänomen Trump das Ergebnis eines langen Prozesses der 'Narzissierung' der US-amerikanischen Gesellschaft ist und dass sein Krankheitsbild das eines beträchtlichen Teils der US-Amerikaner und vieler Europäer widerspiegelt."

Marie-France Hirigoyen

Narzissmus ist das Phänomen unserer Zeit

Narzissmus ist das Phänomen unserer Zeit, so die These von Marie-France Hirigoyen. Supernarzissten wie Trump, Putin, Orban oder Erdogan bestimmen den politischen Lauf der Welt und sind dabei zugleich Produkt einer Gesellschaft, die auf Individualismus, Wettkampf, Leistung und Konsum geeicht ist. Unter diesen Bedingungen haben es Narzissten in der Arbeitswelt, in Liebe und Familie, in Politik und Wissenschaft besonders leicht. Ihr Selbstbewusstsein, ihre Entscheidungsfreude und charismatische Wirkung spült sie dort nach oben, dorthin, wo Führung, Oberflächlichkeit, Risikofreude vor Tiefgang oder Kompetenz gefragt sind. Der globalisierte Kapitalismus erzeugt selbst das, worunter er leidet.

Marie-France Hirigoyen | Bild: Bigscout

Psychoanalytikerin und Bestsellerautorin Marie-France Hirigoyen

"Die Zunahme des Narzissmus überall auf der Welt kann man als psychische Antwort auf eine individualistische Leistungs- und Konsumgesellschaft sehen, die einzig und allein auf Profit und Kurzlebigkeit fokussiert ist. Die Globalisierung hat uns in eine destruktive Spirale hineingezogen, und ihr Versprechen von unbegrenztem Fortschritt, Wohlbefinden und verbesserter Lebensqualität hat eine viel düsterere Kehrseite: Abhängigkeiten, wachsende Ungleichheit, die Zurückweisung der anderen und einen endlosen Konkurrenzkampf, der Stress und Burn-out nach sich zieht."

Marie-France Hirigoyen

Um Missverständnisse zu vermeiden: Narzissmus, das schreibt Marie-France Hirigoyen schon in der Einleitung, ist nicht genuin schlecht. Er spielt eine wesentliche Rolle beim Aufbau von Identität. Der wertschätzende und liebende Blick des Menschen auf sich selbst begründet gesundes Selbstvertrauen, Durchsetzungskraft und soziale Anpassungsfähigkeit. In der Geschichte der Erforschung des Narzissmus – beginnend bei Freud über amerikanische Psychoanalytiker der 1970er bis hin zur Erweiterung des Begriffs in der Soziologie – hat sich der Blick auf das Phänomen allerdings verschoben. Von der „Selbstliebe“, die für die psychosexuelle Entwicklung wichtig war, zum „Selbstwert“, der den Einzelnen sozial standhaft macht. Es ist eine Frage des Grades, wann Narzissmus toxisch wird und in die drei pathologischen Typen mündet, die Hirigoyen dingfest macht: Den grandiosen Narzissten alla Trump. Den verletzlichen Narzissten, der zwar auch megalomane Vorstellungen von sich selbst entwickelt, dann aber an seiner eigenen Überforderung leidet. Und den narzisstischen Perversen, der sich hinter einer Fassade aus Charme und Angepasstheit lustvoll auf Kosten anderer aufwertet. Grundlage aller Formen: ein eigentlich sehr fragiles Selbstwertgefühl.

"Wenn Narzissten allem, was die anderen über sie denken, so große Bedeutung beimessen, dann deshalb, weil sie sich ständig durch den Blick der anderen versichern müssen, dass sie liebenswert sind. Indem sie behaupten, den anderen überlegen zu sein, versuchen sie, ihr geringes Selbstwertgefühl zu kompensieren, im Falle der grandiosen Narzissten auf Kosten der anderen, im Falle der verletzlichen Narzissten auf Kosten ihrer selbst."

Marie-France Hirigoyen

Sehr genau und präzise geht Hirigoyen in der ersten Hälfte des Buches der Historie, Definition und Begründung von Narzissmus nach. Im zweiten Teil weitet sie den Blick vom psychoanalytischen Fachdiskurs auf das Soziale. Auf Kosen der Präzision. In einem Rundumschlag – mit Tendenz zum Allgemeinplatz – legt die Autorin dar, wie neoliberale Managementstrategien, obsessive Bilderwelten, Selbstdarstellungsmuster der sozialen Medien, TV-Formate oder Dating-Portale Narzissmus begünstigen und befördern. Die Trennschärfe der zuvor entwickelten Krankheitsbilder kann und will die Psychoanalytikerin auf die sozialen Zusammenhänge nicht anwenden. Da steht der Narzissmus eines Jeff Koons, der sich am Beharren des Künstlers auf einen prominenten Standort für seine Großplastik „Tulpenstrauß“ in Paris zeige, neben toxischen Auswirkungen von Narzissmus in Formen von Mobbing, Wirtschaftsbetrug oder Plagiatsaffären in der Wissenschaft. Noch allgemeiner wird Autorin dann, wenn es um die im Untertitel versprochenen Abwehrstrategien gegen den toxischen Narzissten geht. Sicher, Aufklärung, die das Buch unbestreitbar leistet – hilft. Ansonsten setzt Marie-France Hirigoyen auf eine erschöpfte Zivilgesellschaft und auf die Jugend, die gerade neue gesellschaftliche Visionen entwickele. So sehr man diese Hoffnung teilt, so naheliegend ist diese Perspektive. Auch ohne die Diskussion über die toxische Macht des Narzissten.

(Eine Buchempfehlung von Stephanie Metzger, Kultur aktuell)

Marie-France Hirigoyen: "Die toxische Macht der Narzissten und wie wir uns dagegen wehren", aus dem Französischen von Thomas Schultz. C.H. Beck

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