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Karen Krüger Reise durch das islamische Deutschland

Karen Krüger hat sich auf die Suche nach dem islamischen Deutschland jenseits der Klischees von Radikalisierung und kultureller Fremdheit begeben. Sie hat Muslime ganz unterschiedlicher Lebenswelt und Auffassung besucht. Ein leises Buch gegen allzu schlichte Reaktionen auf eine komplizierte Realität.

Stand: 02.08.2016

Buchcover "Eine Reise durch das islamische Deutschland" von Karen Krüger | Bild: Rowohlt Verlag, Montage: BR

"Ich hab mich oft gefragt, wie es mir gehen würde, wenn ich jetzt nicht Journalistin wäre. Nur so ist es mir letztendlich gelungen, Einblicke in dieses islamische Deutschland zu bekommen und zu merken, dass viele Ängste nicht begründet sind. Dass es unbedingt mehr Dialog braucht, um unsere Ängste entkräften zu können."

Karen Krüger

In ihrem Buch "Eine Reise durch das islamische Deutschland" porträtiert Karen Krüger, Feuilletonredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, mehr als 20 Muslime, darunter einen  Bestattungsunternehmer, eine Ex-Salafistin, einen Banker, einen Psychotherapeuten, eine Politikerin, Taxifahrer, Teestubenbesitzer, eine praktizierende Muslima, die schon lange mit einem praktizierenden Christen verheiratet ist - allesamt Leute, die sich freuten, dass endlich jemand kam und sie fragte. Ihr Buch, das sagt Karen Krüger frei heraus, will den Urdeutschen die Angst vor diesem Kontakt in die Nachbarschaft nehmen. "Man hat jeden Tag irgendwelche Berichte über Terrorismus, über Islamismus in der Welt", so die Autorin, "und natürlich bereitet das große Sorge. Dem wollte ich ein bisschen entgegentreten, indem ich zeige: Muslime sind nicht diese homogene Masse, als die sie oft auch in den Medien dargestellt werden. Es lohnt sich wirklich, in die Gesichter zu schauen, Kontakte zu finden, und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, und dann wird man sehen, vieles ist nicht berechtigt."

Argumente gegen Einseitigkeiten

Karen Krüger ist 41 Jahre alt, sie hat einen Teil ihrer Jugend in Istanbul verbracht. Nach einem Studium der Geschichte, Soziologie und Romanistik in Deutschland und Frankreich ist sie seit 2008 FAS-Redakteurin mit dem Spezialgebiet Türkei. 2011 fiel Karen Krüger auf als einzige weibliche Teilnehmerin an einer Phönix-Runde zum Thema Völkermord an den Armeniern.

Karen Krüger

Die türkischen Funktionäre und Journalisten waren aus dem Häuschen, pöbelten um die Wette, während sie seelenruhig und sachkundig Argumente vorbrachte. Genauso verfährt Krüger auch in ihrem Buch "Reise durch das islamische Deutschland". Im Kapitel über die DITIB, den von der türkischen Religionsbehörde gesteuerten Dachverband aller türkischen Moscheegemeinden in Deutschland, wird ihr sonst behutsamer Ton allerdings etwas schärfer, "weil die DITIB ihre gesamten Imame aus der Türkei kommen lässt, weil die in den Moscheen auf Türkisch predigen und überhaupt nicht mit der hiesigen Lebenswirklichkeit vertraut sind. Und auch in der Jugendarbeit ein türkisches Nationalgefühl bestärkt wird und eben nicht die Hinwendung zur deutschen Kultur und dann eben auch keine Verbundenheit geschaffen werden kann. Ich glaube, dass das sehr integrationshemmend ist," wie Krüger formuliert.

Liberale Muslime in Deutschland

Dass ihr Buch nicht nur Lob, sondern auch Kritik ernten wird und vielleicht mit dem Vorwurf leben muss, sie berichte einseitig nur von den liberalen Muslimen, ist Karen Krüger klar. "Ich zeige nur liberale Muslime, weil der überwiegende Teil der in Deutschland lebenden Muslime liberal ist. Man nimmt sie eben nur selten wahr, weil sie nicht als Talkshow-Gäste auftauchen, weil sie nicht durch spektakuläre Demos  auf sich aufmerksam machen. Eben weil sie einen Islam leben, der nicht so streitbar ist. Und deshalb es selten in die öffentliche Wahrnehmung schafft.", sagt Krüger.

Dazu will Karen Krüger ihren Protagonisten verhelfen. Sie ist ihnen zugewandt, interpretiert vorsichtig und kombiniert die Porträts mit Hintergrundinformationen: Wieso gibt’s so viele Lesarten des Koran, wieso ist die Frauenfrage so zentral für die Integration, wie wird sich der deutsch-türkische Islam mit dem Zuzug der vielen syrischen Flüchtlinge verändern? Ihr Stil ist nie grell, nie forciert, nie laut, sondern moderat und trotzdem nicht fad. Sie arbeitet dezidiert nicht mit dem Mittel der Zuspitzung. Zuspitzer gibt’s derzeit wahrlich genug. Ihre Haltung ist konstruktiv und auf Verständnis ausgerichtet.

"Nicht an das Schlechte zu glauben, bedeutet, dass man in den Kontakt, in den Dialog gehen muss. Was natürlich mit einer Anstrengung verbunden ist. Und man muss dann auch eigene Ängste und Vorbehalte überwinden. Sich selbst auch in Frage stellen. Also ich glaube, diese negative Haltung der Umwelt gegenüber, da kann man sich immer leicht drauf zurückziehen. Man muss eben nicht in die Konfrontation gehen, die dann positiv enden kann."

Karen Krüger

Diwan

Für das Bayern 2-Büchermagazin hat Brigitte Neumann "Eine Reise durch das islamische Deutschland" gelesen und mit Karen Krüger über ihr Buch gesprochen.
Diwan, Samstag, den 6. August 2016, 14:05 Uhr (Wiederholung 21:05 Uhr).

Karen Krüger, "Eine Reise durch das islamische Deutschland", 352 Seiten, Rowohlt Berlin, 19,95 Euro