Bayern 2 - Diwan - Das Büchermagazin


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Auf dem Diwan Gert Heidenreich und sein neuer Roman "Schweigekind"

Gert Heidenreich spricht im Diwan über „Schweigekind“, seinen neuen, psychologischen Roman. Eine Liebes- und Leidensgeschichte, ein fein verwobenes, elegant geschrieben, diffiziles Beziehungsgeflecht. Eine junge Frau kommt zum Therapeuten, angeblich ihrer schweigenden Tochter wegen, tatsächlich ist sie selbst schwer traumatisiert. In Briefen erzählt sie, was geschah.

Stand: 05.04.2018

Gert Heidenreich | Bild: picture-alliance/dpa

"Schweigekind" - Leseprobe

NACH WOCHEN TROCKENER KÄLTE begann an jenem Dezembernachmittag Schnee zu fallen. In den freien Morgenhimmel waren von den Bergen her einzelne Wolken eingezogen, hatten sich über dem See gesammelt und zu einer grauen Schicht verbunden.
Während die ersten Flocken durch die Luft irrten, lief Hans Sahlfeldt zum Ende des Uferstegs, der auf die Eisfläche ragte. Sein kleiner, altersmagerer Begleiter versuchte zu folgen, kam aber auf den glatten Holzplanken kaum voran und rief seinem Patienten zu:

»Das Eis trägt nicht!«
»Wer will aufs Eis?«, wandte sich Sahlfeldt zurück. »Ich sehe den Schnee auf dem See, mein Gott, ist das schön, kommen Sie, Tiefenbach, morgen trägt der See ein Fell, und wir dürfen es jetzt schon wachsen sehen!«
Der Arzt holte ihn ein, stellte sich neben ihn an die Kante des Badestegs, ergriff seinen Arm, beide schwiegen. Das Schneegestöber nahm zu, und die blauschwarze Bergkette hinter dem jenseitigen Ufer wurde zu einem einförmigen Schatten, der schließlich verschwand.
Hans Sahlfeldt nahm seinen Hut ab, legte den Kopf in den Nacken und schien zu genießen, dass auf seinen geschlossenen Augen die Flocken schmolzen.
»Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorbei…«, sagte er leise und leckte das Schmelzwasser von seinen Lippen. »Sehen Sie, Tiefenbach, da ist es wieder, ich habe einen Satz im Kopf und weiß nicht woher und weiß nicht, warum und wohin, obwohl es schneit.«
Tiefenbach nahm ihm den Hut aus der Hand und setzte ihn sich selbst auf. »Ich werde mich erkälten Ihretwegen!«
Sahlfeldt lachte. »Sie können von Glück sagen! Unsereiner weiß überhaupt nicht, was Schnee ist! Sie hingegen! Die Flocken schweben auf Ihren nackten Schädel nieder, und jede schenkt Ihnen eine Gewissheit über die Menschenseele!«
»Bitte kommen Sie, Hans. Mir ist kalt, unser Therapieraum ist wunderbar warm, wir unterhalten uns dort über die Gewissheiten des Schnees und meinetwegen auch über meine Glatze.«

Diwan - Das Büchermagazin am 8. April um 14.05 Uhr auf Bayern 2

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Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche


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