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"Kaffee und Zigaretten" Ferdinand von Schirach im Gespräch mit Cornelia Zetzsche

Ferdinand von Schirach gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autoren. Bereits sein erstes Buch "Verbrechen", das 2009 erschien und in dem er erstmals juristische Fälle literarisch verarbeitete, stand über 61 Wochen lang auf der Bestseller-Liste des "Spiegel" und wurde auch international ein großer Erfolg. Immer wieder beschäftigt er sich mit Themen wie Wahrheit, Menschsein, den menschlichen Abgründen, dem winzigen Schritt, der jeden von uns zum Mörder machen kann. Über "Kaffee und Zigaretten", sein persönlichstes Buch, spricht er Cornelia Zetzsche auf dem Bayern2-Diwan.

Stand: 02.03.2019

Ferdinand von Schriach | Bild: picture-alliance/dpa

Ferdinand von Schirach mit "Kaffee und Zigaretten" auf dem Bayern2-Diwan

Cornelia Zetzsche:
„Kaffee und Zigaretten“ heisst Ihr neues, wohl bislang persönlichstes Buch, ein kluges, ein sehr berührendes Buch; Notizen, Erinnerungen und Beobachtungen, Geschichten und philosophische Sentenzen zu dem seltsamen Wesen namens Mensch, vom Haarfetischismus bis zu mörderischen Abgründen; Szenen und Gedanken zur Würde des Menschen, seinen Chancen auf Selbstbestimmung unter dem Schutz eines jeden durch das Recht. Ab und zu taucht ein ER auf, der auch ein ICH sein könnte. Haben Sie sich, Ferdinand von Schirach, im ER sicherer gefühlt?

Prolog von "Kaffee und Zigaretten"

„The woods are lovely, dark, and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.“
Robert Frost

Ferdinand von Schirach:
„Das ist eine kluge Frage, ja, eigentlich ja. Es ist sehr schwer für mich, über mich selbst zu schreiben, und dass ER gefiel mir an diesen Stellen, wo es dann wirklich intim ist, besser. Also im Grunde genommen ist es ja so, dass man eine Tür aufmacht, wenn man so etwas schreibt. Und man macht die Tür auf, und alle schauen rein, und alle können dann darüber reden, was sie gesehen haben, und das kann schnell verletzend sein, und da ist das ER ein letzter Schutz.“

Es geht auch um Liebe, um Einsamkeit, um Glück, sehr viel um Tod. „Kaffee und Zigaretten“ im Titel sind das lose Band dieser Sammlung. Was meint der Titel? Sind das schon Stichwörter für ein erstes Plädoyer?

Das Leben

„Auch ohne die Begabung, glücklich zu sein, gibt's eine Pflicht zu leben".

„Nein, ich wollte endlich mal einen Ernährungsratgeber schreiben (lacht)! Nein in Wirklichkeit ist das einfach so, dass Kaffee und Zigaretten mich am besten beschreiben. Also ich lebe tatsächlich von Kaffee und Zigaretten.“

Sie erzählen in 48 Kapiteln von prägenden Kindheits- und Jugenderlebnissen, von juristischen Fällen, vom Abendessen mit Imre Kertesz und Tennisspielen mit Lars Gustafsson, von Reisen zu schwerreichen Mandanten, von verpassten, gescheiterten, auch geglückten Leben, von Ehehöllen und Morden, von Begegnungen mit Schulfreunden und Nachbarn, wie der japanischen Klavierstudentin, die zu fallen scheint, tatsächlich aber an Hirntumor stirbt. Wann wird für Sie eine dieser Beobachtungen zum Notat? Ich nehme an, Sie tragen ein Notizbuch mit sich?

„Das mit den Notizbüchern ist tatsächlich ein bisschen schwierig. Ich habe mir angewöhnt, weil ich so viele habe und sie dann dauernd verliere, die meisten Sachen in ein Handy zu schreiben. Es gibt da tolle Programme, die das machen, das ist zwar weniger schön, aber es funktioniert besser, und man hat es bei sich, wenn eine Geschichte interessant wird. Vielleicht ist es letztlich so, dass, wenn meine Bücher eine Bedeutung haben, dann liegt sie darin, dass sie versuchen, die Würde des Menschen zu verteidigen. Und diese Würde ist für mich die ganz große Idee der Aufklärung und die vielleicht entscheidendste Erfindung, vielleicht sogar der Menschheit, weil sie eben den Hass und die Dummheit lösen kann und lebensfreundlich ist. Und alle diese Geschichten drehen sich ein bisschen, auch wenn das nie ausgesprochen wird, um dieses Thema.“

Der Tod

„Im Leben ist jede Vorbereitung auf den Tod sinnlos. Das Ende ist nur noch ein Gleiten, sanft, schmerzlos und ohne Lärm. Alles daran ist richtig, der Tod ist die beste Erfindung des Lebens."

Zur Würde des Menschen gehört auch, wie viel Spielraum wir eigentlich haben. Sie erzählen zum Beispiel von einem Mann, der stirbt bevor er sich aus seiner Ehe befreien kann, andererseits ist es das andere Ende von einer Opernsängerin die aus einfachsten Verhältnissen kommt und Karriere macht, also einmal der Teufelskreis, das andere Mal der Ausbruch. Was glauben Sie, wie viel Spielraum haben wir Menschen?

„Zunächst einmal ist es so, dass es Hirnforscher gibt, die sagen, dass der Mensch gar keinen Spielraum hat, sondern dass er vorbestimmt ist in dem, was er tut, durch chemische Reaktionen in seinem Gehirn. Das halte ich für etwas, woran man nicht glauben darf, sondern wir müssen uns schon sagen, dass wir Spielraum haben, unser Leben zu gestalten. Denn wenn wir das nicht tun, ist unsere Gesellschaft am Ende. Dann gibt es auch kein Recht mehr. Ich kann niemanden bestrafen, wenn er nur das tut, was er tun muss. Also ich glaube, dass der Mensch einen Spielraum hat, aber es ist sehr schwierig, und wir sind dauernd von allen möglichen Dingen umgeben, von unserer Kindheit angefangen bis zu einer Million Ge- und Verboten, die wir täglich erfüllen müssen, es ist nicht ganz einfach.“

Neben den Erinnerungen, den Beobachtungen werden auch politische Brennpunkte angesprochen, zum Beispiel die Türkei mit 77.000 Inhaftierten. Oder historische Zäsuren, wie der Tod von Benno Ohnesorg, die RAF und Otto Schily, dem sie eine Eloge widmen.

„Ich habe als junger Anwalt in der ehemaligen Kanzlei von Otto Schily begonnen und Schily hat mich immer sehr interessiert, weil er etwas gemacht hat, was ich sehr beeindruckend finde: Er hat das Recht verteidigt. Das war für mich ein besonderer Moment, als ich das endlich verstanden habe, um was es ihm ging; und wenn man das mal versteht, dann versteht man auch, warum er von einem sogenannten Terroristen-Verteidiger zum Innenminister geworden ist. Solche Sachen hab ich dann aufgeschrieben. Nicht sehr kompliziert, aber man muss einmal darüber nachdenken und dann versteht man es.“

Das Recht ist umso wichtiger, als es Episoden gibt, in denen erzählen Sie zum Beispiel vom Volkszorn, von Hassmails gegen eine ehemalige Politikerin, die auch für Kinderschänder das Recht auf Rehabilitierung forderte, also der Mensch oder das Volk es ist ein gefährliches Tier. Ihr neues Buch „Kaffee und Zigaretten“ macht nachdenklich, es bietet reichlich Stoff zur Identifizierung, es berührt, weil da auch eine verletzte Seele erzählt. Es beginnt gleich mit Erinnerungen an den Jungen aus bestem Haus, Internatsschüler, die Eltern längst getrennt, als der Vater stirbt, muss der Sohn allein zur Beerdigung mit Fahrer. Mehr Kälte geht nicht.

„Wenn man so etwas erzählt, wirkt es sehr kalt, das ist mir bewusst, aber tatsächlich ist es ja so, dass man es nicht anders kennt, man erlebt das so.“

Aber nicht das Erzählen ist die Kälte, sondern die Situation.

„Das stimmt, aber wenn man aus so ein Haus kommt wie ich, wo alles in dieser Art und Weise ablief, dann denkt man nicht soviel darüber nach, das tut man erst sehr viel später, wenn man merkt, wie man wird.“

Depression

„Depressionen seien keine Traurigkeit, sagt er, sie sind etwas ganz anderes. Er weiß, dass sie es nicht verstehen wird."

Das Gefühl von Fremdsein, von Depression, von Einsamkeit sind Lebensbegleiter, es gibt einen ersten Selbstmordversuch mit 15 Jahren, dann bei der Griechenlandreise mit Freundin begreift er, dass "noch 60 solche Jahre vor ihm lagen", für mich war das ein Satz wie ein Hieb in die Magengrube.

„Ja, aber ich kann es nicht ändern. Es ist einfach so. Ich hab dieses erste Kapitel deshalb geschrieben, weil man den Rest des Buches sonst nicht verstehen würde und auch nicht den Grundton, viel mehr kann ich dazu auch gar nicht sagen.“

Wie haben Sie denn dann die folgenden 40 Jahre rumgebracht?

„Ach, man bringt das ja dann doch irgendwie hinter sich und man findet dann so ein paar ganz gute Sachen, wie man weiterleben kann. Womit ich ganz gut zurecht komme, ist eben zu sagen, dass der Standpunkt des Beobachters der angenehmste ist, und dass es, wie Schopenhauer das genannt hat, so ein „verhaltenes Mittun“ gibt. Man muss nicht immer dabei sein und sich um alles kümmern, sondern man kann zuschauen in einem Kaffeehaus und einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen, das ist irgendwie so eine Art, durchs Leben zu kommen.“

Ferdinand von Schirach auf dem Diwan

Auch auf dem Diwan: "De" unvergleichliche Abbas Khider

Zu hören ist das Gespräch mit dem Bestsellerautor Ferdinand von Schirach über sein neues Buch am Sonntag, dem 3. März, um 14.05 Uhr im Büchermagazin auf Bayern 2. "Kaffee und Zigaretten" erscheint am 4. März bei Luchterhand.
Außerdem ist Abbas Khider zu Gast mit seiner kuriosen, subversiven Grammatik „Deutsch für alle - Das endgültige Lehrbuch“.

Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche


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