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Viktor Martinowitsch: „Revolution" Demonstranten in Belarus machen ein Buch zum Symbol des Widerstands

Während der Proteste in Belarus tauchten in den sozialen Medien immer wieder Fotos und Videos auf, in denen sich Demonstranten mit dem Cover eines Romans zeigten, das gab es lange nicht mehr: Demonstranten machen ein Buch zum Symbol des Widerstands. „Revolution“ lautet der Titel dieses Romans. Er stammt von Viktor Martinowitsch, dessen erster Roman „Paranoia“ 2009 vom Regime Lukaschenko verboten wurde. Wie schon in „Paranoia“ fragt Martinowitsch auch in seinem neuen Roman nach der Verantwortung der sogenannten „Intelligenzija“ für die politischen Entwicklungen im postsowjetischen Raum.

Von: Mirko Schwanitz

Stand: 28.02.2021

Schriftsteller Viktor Martinowitsch im Literaturhaus Zürich | Bild: wikimedia/Haemmerli

„Revolution“ - die Versuchung ist groß, im Roman von Viktor Martinowitsch nach Erklärungen für die aktuellen Vorgänge in Belarus zu suchen. Immerhin stufte das Regime Lukaschenko den Roman mit dem provozierenden Titel als staatsgefährdend ein – und versuchte sein Erscheinen nach Kräften zu behindern.

Viktor Martinowitsch: "Die Steuerbehörde erschien beim Herausgeber. Sein Haus wurde durchsucht. Er wurde verhaftet und verhört. Sein Bankkonto wurde gesperrt und alle im Verlag vorhandenen Exemplare wurden beschlagnahmt."

Dabei geht es in der Story gar nicht um Belarus. Es geht um etwas anderes, etwas viel Grundsätzlicheres, wie der Hauptheld schon sehr früh klarstellt:

"Ich heiße Michail Alexejewitsch German, und ich werde euch erzählen, was Macht ist. Nicht die kalorienarme Machtbrühe, mit der sie euch im Fernse­hen vor der Wettervorhersage abspeisen. Nicht die Handvoll Zwerge mit den Schlitzohrgesichtern, die ständig irgendwen bekämpfen, et­was verbieten oder aber gegen Verbote protestieren. Nein, ich werde euch von der Macht erzählen, die euch aus euren Reflexen heraus regiert."

aus 'Revolution', erschienen in der Übersetzung von Thomas Weiler bei Voland & Quist 

Womit zugleich auch etwas über die die Erzählhaltung des Romans gesagt ist. Da wendet sich der Held direkt an die Leser und verspricht ihnen Selbsterkenntnis. Darüber, wie Menschen zu Marionetten einer Staatsmacht wurden, vor der er, Michail German, 16 Jahre zuvor, nach Moskau flüchtete.

"In der Zauberstadt, die mich in meinen Träumen immer noch verfolgt, gibt es zwei ebensolche Türme, geziert von finsteren Soldaten-, Arbeiter- und Bauernfiguren. Das symbolische Tor gibt, indem es sich auftut in jener sonnenbeglänzten, menschenleeren, verängstig­ten Stadt, den Weg in die Uliza Kirowa frei, ihm gegenüber liegt der riesige Bahnhof."

aus: 'Revolution'

Schemenhaft erinnert diese Beschreibung an den Bahnhofsvorplatz der belarussischen Hauptstadt Minsk. Doch sicher ist das nicht. Im Roman bleibt völlig offen, wo sich dieser Staat befindet, in dem Michail Alexejewitsch German von einem Helden zu einem Anti-Helden mutierte -  von einem angenehmen Zeitgenossen mit intelligentem Humor zu einem wahren Fiesling.

Der belarussische Schriftsteller Viktor Martinowitsch

Viktor Martinowitsch. "Es ist die Angst, die ihn auf diesen Weg führte. Es ist Angst, die uns zwingt, auf unsere Freiheit zu verzichten. Er wird gehorsam ohne es zu merken. Das Regime lässt seine Angst verschwinden, indem es sie durch Belohnungen ersetzt. Plötzlich sieht German, dass es gar nicht schlimm ist, schlimme Befehle auszuführen. Dass man dafür statt Strafen, eine tolle Wohnung, ein gutes Auto bekommt. Langsam vergisst er die Verbitterung, die sich über all die Jahre in ihm angesammelt hat. Und plötzlich beginnt er Spaß zu haben, an dem, was er tut."

Für Privilegien legt Martinowitschs Held, ein renommierter Dozent, in einem Schauprozess zunächst falsches Zeugnis ab. Dann wird es immer schlimmer. Denn was uns der Autor im Subtext erzählt, ist die Geschichte einer beispiellosen Erpressung. German schließt ein teuflisches Übereinkommen mit einer Art postsowjetischem Freundeskreis, einflussreicher und mächtiger, als alle Geheimdienste Russlands. Geführt wird er von einer im Rollstuhl sitzenden lebenden Mumie. Die hat sich aus dem einstigen sowjetischen Politbüro hinübergerettet in die neue Zeit und erteilt German  allfällige Lektionen, darüber, wie Macht funktioniert.

"Nietzsche hat die Sache von der falschen Seite aufgezogen. Den Menschen treibt nämlich nicht der Wille zur Macht, sondern der Wille zur Unterordnung. Unterordnung enthebt einen der Verantwortung, jetzt mal ganz primitiv gesprochen. Wäre uns der Wille zur Unterordnung nicht immanent, hätte der Wille zur Macht gar keine Chance. Denn eine Macht, der nicht die allgemeine und freiwillige – die Freiwilligkeit ist ganz entscheidend! – Unterordnung zugrunde liegt, eine solche Macht ist schlechterdings undenkbar."

aus 'Revolution'

Viktor Martinowitsch: "Das ist das Wichtigste für mich. Es geht mir in dem Buch nicht um den, der die Befehle gibt. Es geht mir um die Menschen, die Befehle entgegennehmen. Die Menschen, die sich mit Vergnügen unterordnen und die Befehle ausführen."

Über diese Spezies erzählt Martinowitsch spannend und mit immer wieder aufblitzendem feinem Humor. Dass der  Leser immer wieder Parallelen ins Heute und Jetzt zieht, ist gewollt. „Revolution“ ist also ein hochaktueller Roman. Auch wenn man sich wünschen würde, dass es nicht so wäre. Denn was hier passiert, ist zum Gruseln.


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