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Johny Pitts "Afropäisch - Eine Reise durch das schwarze Europa"

"Was ich zeigen wollte, ist ein globales Europa, weil Europa natürlich genau das ist. Die Gebäude beruhen teilweise auf der weltweiten Ausbeutung oder auf der Arbeit von Menschen aus der ganzen Welt. Europa hat eine gemütliche Vorstellung von sich selbst: als diesen übersichtlichen, eindeutigen Ort, der einer übersichtlichen, eindeutigen Menschengruppe gehört. Ich wollte zeigen, dass die Welt Europa ist und Europa die Welt", sagte Johny Pitts über sein Buch. Der Fernsehmoderator und Fotograf aus South Yorkshire sucht nach schwarzen Spuren, fernab der Klischees. Marie Schoeß stellt das Buch vor

Von: Marie Schoeß

Stand: 11.09.2020

Johny Pitts im Portrait  | Bild: Penguin

Johny Pitts tritt in diesem Buch eine Winterreise an, eine schwarze Odyssee, und er schlüpft auf den Wegen durch oft regnerische, aber nur selten verschneite Städte in die Rolle des schwarzen Backpackers. Die Schlagwörter sind wichtig: Winterreise, weil Pitts sich dagegen entscheidet, im Sommer aufzubrechen, wenn Festivals allerorten Klischeebilder von tanzenden Schwarzen produzieren. Odyssee, weil der schwarze Autor ein Genre, das traditionell weiße Männer bespielen, für die eigenen Zwecke nutzt und mythische Besuche bei Nymphen und Halbgöttern eingetauscht gegen die Bekanntschaft mit Jugendlichen in Pariser Banlieues, um nur einen Stopp zu nennen. Aber auch der „Backpacker“ steckt tief in diesem Buch, denn Johny Pitts schreibt keine systematische Abhandlung über das schwarze Europa. Er lässt sich auf das Reisen ein und das heißt: auf Verirrungen im Raum, Ablenkung durch Menschen und Knoten in der Begriffsarbeit.

Buchcover "Afropäisch" | Bild: Suhrkamp Verlag

"Ich reiste im Namen derer, die nicht reisen konnten oder wollten: der Community schwarzer Arbeiter und Kinder von Immigranten, und machte mich auf die Suche nach einem Europa, das sie und ich womöglich als unser eigenes erkennen könnten. So kam es, dass ich mich als ein extrem seltener Vogel auf den Weg machte: als schwarzer Backpacker."

aus: Johny Pitts 'Afropäisch', Suhrkamp Verlag

Zu Beginn ist der Leser noch unsicher, und Misstrauen ist erlaubt: Ist die Form des Reiseberichts, das ausführlich zitierte Gespräch mit Zufallsbekanntschaften, die Schleife zu literarischen Vorbildern, ist all das nicht bloß ein geschicktes Formenspiel, um stimmungsvoll und anekdotenreich zu beschreiben, was hinter dem Wort „afropäisch“ steckt? Ist die Rolle des Suchenden für einen kundigen und belesenen Autor wie Pitts nicht allzu forciert, fast schon künstlich? Aber: Je länger Pitts reist und schreibt, umso klarer wird, dass es der Autor ernst meint mit seiner Form, und dem Suchenden, Irrenden, das in ihr steckt. Johny Pitts mochte den Begriff „afropäisch“, als er die Reise antrat, die Einheit, die er symbolisiert. Es gefiel ihm, dass das Wort ohne Bindestrich auskommt, um Schwarzsein und Europäisch-sein zu verbinden. Aber: Wie dieser Begriff zu füllen ist, sodass er auch schwarze Arbeiter in Europa anspricht, nicht nur Kreative und Künstler, wie sich eine „afropäische Identität“ fassen lässt, ohne Klischees zu reproduzieren, das wusste auch Pitts nicht. Was ihn zum Glück nicht davon abhielt, eigene und fremde Unsicherheiten, eigene und fremde Ideen abzuschreiten.

Der britische Autor und Fotograf Johny Pitts

Johny Pitts: "Der Begriff gab mir die Gelegenheit, oder besser: Er schlug vor, durch Europa zu reisen, etwas herauszufinden über die schwarze Geschichte Europas, die oft unterrepräsentiert oder gar nicht repräsentiert ist.  Und auch wenn sich am Ende der Begriff „Afropäisch“ geradezu aufgelöst hat, war es mir weiter wichtig, in diese Welt und durch diese Welt zu gehen, die sich mehr wie eine Heimat anfühlte.

Pitts schreibt nicht nur – über seine realen und imaginären Aufenthalte in: Paris, Berlin, Brüssel, Amsterdam, Moskau, er fotografiert auch – den schwarzen Vater mit seiner Tochter auf einem Pariser Boulevard. Die beiden sind vor einer weißen Häuserfassade unterwegs, links und rechts gerahmt von weißen Gesichtern. Cafébesucher in Brüssel. Die stumme Menschengruppe, schwarz und weiß gemischt, die auf einem Hügel abseits vom Geschehen die Gedenkfeier für zwei Jugendliche begleitet, die bei der Verfolgung durch die Polizei ums Leben kamen. Vor allem aber und in jeder Stadt zeigt er: Menschen unterwegs. Mal erkennen wir sie nur als Spiegelbild im Fenster einer UBahn, dann verschwimmen die Gesichtszüge – vielleicht weil sie gerade noch zu ihrer Bahn hetzen. Die Aufnahmen erzählen viel von der Stimmung eines Moments, eines Menschen, Eindeutigkeit, eine Botschaft in Sachen „Afropa“ kennen auch sie nic

"Ich habe viel Zeit in Metros verbracht, bin viel rumgefahren in den Städten. Und merkte: Wenn ich in Transiträumen fotografiere, dann sehe ich das Alltagsleben. Nicht: Schwarze beim Feiern, nicht: Schwarze beim Protestieren. Nicht: Schwarze im Ghetto – all diese Klischees, in die man so schnell rutscht, wenn es ums Schwarzsein geht. Ich sah Leute beim Pendeln, wie sie zur Arbeit gehen, ihre Kinder zur Schule bringen, Alltäglichkeiten eben. Und das war mir sehr wichtig."   

Den Alltag, alltägliche Fragen im Leben schwarzer Europäer streift Johny Pitts immer wieder. Im Gespräch mit einer Frau zum Beispiel, die nur den Kopf darüber schütteln kann, dass ihre Mutter nun schon seit vierzig Jahren in Schweden lebt und immer noch nicht akzentfrei spricht. Auf der Suche nach „Tim im Kongo“, einem Titel aus der „Tim und Struppi“-Reihe, die Pitts als Kind so liebte. „Tim im Kongo“ wird mittlerweile aber eher versteckt, weil die rassistischen Denkmuster allzu offen zutage liegen. Zum Alltag gehört aber auch die Planung europäischer Städte, die viele schwarze Communities an die Ränder drängt und keinen Hehl daraus macht, dass sie zwar in Paris, Sheffield, Brüssel leben dürfen, aber nie den Stolz der Stadt ausmachen werden: 

"Ich glaube, es war Toni Morrison, die einmal gesagt hat: Ich stand an der Peripherie und habe behauptet, es sei das Zentrum. Das gefällt mir und es hat mich inspiriert, an den Orten zu arbeiten, die oft als Peripherie angesehen werden, und ihnen die Bedeutung beizumessen, die andere anderen Dingen, Orten geben. Ich werde die Plätze dokumentieren, die so oft nicht dokumentiert werden – zumindest nicht auf eine faire Art. Es sind Orte der Möglichkeiten: So viele Orte, die als Peripherie, Hinterland, als Ghetto angesehen werden, können zum Feind der Zentren werden oder: ein Teil davon."

„Afropäisch – Eine Reise durch das schwarze Europa“. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, erschienen bei Suhrkamp. Eine Lesung aus dem Buch gibt es am Dienstag, dem 15. September in den radioTexten um 21.05 Uhr auf Bayern 2

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