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Spoken-Word-Artistin Nora Gomringer mit "Die Gottesanbieterin" zu Gast auf dem Diwan

Vor vielen Jahren traf Nora Gomringer auf eine riesige Gottesanbeterin. Es war diese einstündige Begegnung des Schweigens, die die Dichterin zur Hinterfragung des irdischen Seins und der Vielgestaltigkeit von Religion gebracht hat. Nora Gomringer im Gespräch mit Cornelia Zetzsche über ihren neuen Gedichtband "Die Gottesanbieterin".

Stand: 07.03.2020

Nora Gomringer | Bild: picture-alliance/dpa

"Frau Gomringer erlebt was

In meinem Dorf, da tragen vier den Sarg, wenn einer geht.
Der Meyers Gung, der Voitens Hans, der Puchtas Tom und einer,
den wir alle kennen.
Kein Auge trocken, als mein Opa
drinnen lag.
Ich saß in dieser Kirche und das Foto vom Opa ohne Hut,
das lächelte mir zu.
Die starken Männer hielten sich die Hände.
Nicht gegenseitig. Das geht nicht in meinem Dorf.
Doch jeder seine eigenen und für sich alleine weinen,
das geht auch allemal bei uns."

aus: 'Die Gottesanbieterin', erschienen bei Voland & Quist

Cornelia Zetzsche: „Die Gottesanbieterin“ ist wohl wörtlich zu nehmen, denn es geht auch um Gott, um Jesus, um Glauben und die Dichterin als Christin. Wie kommt's?“

Nora Gomringer: „Nun, ich bin durch die erste Reihe der Sakramente durch, es fehlt noch die Taufe eines Kindes, und es fehlt irgendwann der letzte Sterbesegen. Und ich bin wirklich eine selbst gewählte, selbstgemachte Christin; war ich, bin ich und es wurde nie daran gerüttelt, und das begleitet mich. Und vielleicht ist es jetzt mit 40 und vielen Rückfragen nach dem „wie hältst du's mit der Religion“ Zeit für so einen Band.

„Früher war es out, sich als Christin zu outen. Das hat sich ein bisschen geändert. Was führt Sie zum Glauben?“

„Nichts hat mich weggeführt, so muss ich es vielleicht sagen. Ich bin ja in der Gegend von Hof aufgewachsen, in Rehau, in einer Art Diaspora-Situation, da gab es nicht so viele Katholiken. Und da hatten wir einen wunderbaren Pfarrer, der sich auch sehr umsichtig um die Gemeinde gekümmert hat. Das war der Pfarrer Pfister mit einer schönen Stimme, der ganz wunderbar auch die Liturgie gesprochen hat. Für mich war das als Kind sehr eindrücklich. Und als beeindruckte Ministrantin hab‘ ich auch Dienst getan am Altar, bis dann einmal der Bischof Elmar Maria Kredel kam und gesagt hat, die Mädchen dürfen das nicht mehr. Das war ein großes erstes Verstoßen-Werden. Das war nicht schön, aber es fiel mit meinen Teenagerjahren zusammen, und von daher gab es dann auch mal eine Zeit der Entfernung.“

„Und welche Rolle spielt der Glaube heute für Sie?“

„Ich bete täglich, und ich bin hoffentlich in Kontakt mit meiner Sterblichkeit und mit meinem Wissen darum und bedarf des Trostes und darf mich vertrauensvoll an meinen Schöpfer wenden und hab‘ bisher einfach nicht eine Phase des großen Zweifels erlebt. Und vielleicht ist es auch nur das, was mich da noch immer hält, wer weiß.“

„Hinter der Gottesanbieterin steckt das Insekt, die Gottesanbeterin, die nach dem begattet werden, gern mal das Männchen verschlingt. Was interessiert Sie an dem Tier?“

"Das Tier hat seine ganz eigene Ästhetik. Ich saß mal so als 16, 17-Jährige im Garten meiner amerikanischen Gasteltern und sah eine riesige Gottesanbeterin im Garten, die sich da langsam bewegte. Und wenn man ihr wirklich folgen wollte, mit dem Blick, nahm das eine ganze Weile in Anspruch. Das war kontemplativ und hatte gar nichts zu tun mit diesem Männerverschlingen. Die Haltung war Stolz und Demut. Das hat mich fasziniert und ich hab‘ versucht, einen Band anzulegen, der sowohl Gebetstexte der letzten Jahre beinhaltet als auch meine große Trauer der letzten zwei Jahre. Das wollte ich alles mit hineingeben und verarbeiten.“

"Ein Kapitel ist Tim gewidmet, und damit sind wir beim Tod."

"Ja, mein guter Freund Tim ist letztes Jahr gestorben, und damit ist alles anders eingefärbt gewesen, eine ganze Weile. Und so ein Jahr, 365 Tage ohne einen Menschen, da kann man nicht mehr sagen, ich kann ohne ihn nicht leben, weil man ja quasi das ad Absurdum führt, indem man weitergelebt hat und weiterlebt und auch gerne lebt. Aber es ist eben auch ein Bewusst-Machen. Und das Fehlen und das Vermissen ist eine furchtbar lange, eine lebenslange Übung."

"Viele Gedichte sind Schriftsteller, Kollegen und Kolleginnen gewidmet. Sehr komisch die Verse auf Michael Lentz, einen Spoken-Word-Kollegen. Aber es gibt auch Verse auf den Komponisten Arvo Pärt, auf den Architekten Peter Zumthor. Sie leiten die Künstlervilla Concordia, sind natürlich mit Gästen im Austausch. Inwiefern sind solche Kollegen und Kolleginnen für Sie eine Inspirationsquelle, ein Impuls?"

"Ich bin ja nicht nur Dichterin und Künstlerin und Autorin in einem. Ich bin ja auch Leserin und gehe in Filme, ins Kino, ich gehe ins Theater, und ich bewundere gerne. Es gibt so viel zu bewundern, allein die herrliche Felicitas Hoppe, die ich zum Beispiel kennengelernt habe und immer wieder mal sehe. Dann wir sind beide verpflichtet bei Festivals, und das letzte Mal haben wir uns aktiv wahrgenommen bei der Deutschen Bischofskonferenz, wo eben vier, fünf Autorinnen und Autoren waren, die von sich sagen, dass sie Christen sind und sich die Frage stellen lassen, wie zeigt sich das in ihren Texten."

"Für Sie ist aber nicht nur das Lesen wichtig, sondern auch die Performance, das haben wir eingangs schon gehört. Welche Rolle spielt der Klang?"

"Ich glaube, der Klang ist die Ebene, die das Emotionale trifft. Deshalb haben auch Menschen so wahnsinnig gerne das Radio und zum Beispiel Dialekte, weil es mitunter gar nicht so sehr darauf ankommt, was gesagt wird. Es hat viel mit dem Prosodischen zu tun. Ich glaube, es versetzt uns in eine frühkindliche Phase, die wir alle immer wieder vermissen. Klang ist wie Geruch, führt zurück und macht uns weich und zugänglich und kann Sanftheit einfach vermitteln und Zärtlichkeit, die so oft fehlt. Und der Klang hat genau die andere Ebene auch, kann uns anstacheln, uns aufregen und den Puls antreiben. Und da gibt es eine große Klaviatur, auf der man spielen kann."

"Die Stimme zum Beispiel. Alle Ihre Lyrikbände sind von Grafiken, von Fotos begleitet, auch von Collagen, Ihrer assoziativen Schreibweise nicht unähnlich. Sie schütteln Silben, Wörter, Satzfragmente, auch diesmal. Was ist Ihre Intention bei diesen Wort-Bild-Arrangements? Nehmen wir das Gedicht „Kleine Anzeige“, daneben ein Foto von einem Gewächshaus, einer Gärtnerei und dem Schild: „Letzter Springbrunnen vor der Autobahn“!

"Das sind Spielereien der Grafikerin. Ich bin immer sehr darauf erpicht, mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten, die sehr eigenständig ihre Arbeit zugeben zu meiner Arbeit, so dass das Ganze aufeinander spielt, aber eher miteinander tanzt. Also ich hab‘ es gerne, wenn es zwei Entitäten sind und bleiben, aber es zusammen eben auch funktionieren kann. Deshalb, das ist Zaratella."

"Ein Gedicht "Gott und Toast" ist Eugen Gomringer, Ihrem Vater, nachgedichtet. Das heißt, zwei Dichter in der Familie, aber eine entspannte Beziehung?"

"Gott und Toast"

gott
gott und toast
toast
toast und butter
gott
gott und butter
gott und toast und butter und
ein manufactumkatalog

nach Eugen Gomringer

"Eine durch gepflegte Entfernung entspannte Beziehung, genau. Ja, doch, doch. Also, ich kann nicht sagen, ich bin nicht gerne seine Tochter. Aber wir sehen uns de facto wenig, und es ist auch sicher nicht so, wie viele denken, dass wir voneinander alles lesen würden. So hab‘ ich gar nicht gewusst, dass er letzthin in München einen großen Auftritt hatte. Und da wäre vielleicht sogar noch die Chance gewesen, dass man sich wieder mal begegnet. Aber es ist auch so ein bisschen das Revier, dem einen das so überlassen und dem anderen so.

"Beinahe hätte man sich in Leipzig auf der Buchmesse treffen können. Jetzt ist das meiste, nicht alles, abgesagt. Bei „Leipzig liest“, gibt es noch einiges an Lesungen, aber doch Vieles ist abgesagt. Was heißt das für Sie?"

"Also, während man im Zug sitzt noch, werden Veranstaltungen links und rechts abgesagt. Insgesamt sind es jetzt acht für die nächsten zwei, drei Wochen, rund um Leipzig, Buchmesse eh alles flach, aber dann auch in der Schweiz, der große Museumsabend, Paul Klee in Bern, usw. Es ist ruinös. Ich bin dankbar, dass ich zwei Berufe habe in meinem Leben und damit auch eine Stabilität. Und ich kann mir gar nicht ausmalen, wie es vielen Künstlerinnen und Künstlern geht, die da natürlich auch darauf bauen und das jetzt unbedingt brauchen und andere Pläne gemacht haben in diesem Jahr. Mal sehen, was Corona noch so in petto hat."


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