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Doğan Akhanlı "Madonnas letzter Traum"

Doğan Akhanlı greift in "Madonnas letzter Traum" die Novelle "Madonna im Pelzmantel" des türkischen Dichters Sabahattin Ali auf und schreibt sie neu. Akhanlı macht Ali selbst zur Romanfigur, der auf seiner Flucht ins Exil 1948 vom türkischen Geheimdienst ermordet wurde. Im Roman von Doğan Akhanlı gesteht Ali, seine Heldin Maria Puder sei ganz anders gestorben. "Madonnas letzter Traum" ist eine Liebesgeschichte, ein Flüchtlingsdrama, eine Spurensuche, die Gewalt als europäisches Phänomen sieht. Maria Puder hat es so nicht gegeben, aber 769 andere Flüchtlinge, die im Schwarzen Meer ertranken.

Stand: 04.10.2019

Schriftsteller Dogan Akhanli | Bild: picture-alliance/dpa

Gegen politische, religiöse oder gesellschaftliche Widerstände

Doğan Akhanlı, 1957 in der Türkei geboren, kennt Gewalt, Haft und Folter; schon als 17jähriger, später mit Frau und Kind; 2010, als angeblicher Raubmörder. 2017 überraschte ihn die spektakuläre Festnahme im Urlaub in Spanien, als die Türkei seine Auslieferung verlangte und ihm das Goethe-Institut Schutz bot. Da hatte Akhanlı längst ein neues Zuhause in Deutschland, das mit seiner eigenen Gewaltgeschichte zu tun hatte. Die deutsche Erinnerungsarbeit motivierte ihn, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, Muslimen davon zu erzählen, die Geschichte von Juden, Deutschen, Türken und Armeniern zusammenzudenken. Und sein neuer Roman, „Madonnas letzter Traum“, handelt von der Struma, dem Schiff, das jüdische Flüchtlinge nach Palästina bringen sollte und vor den Augen der „neutralen“ Türkei im Schwarzen Meer versank, 769 Menschen ertranken, 1942. Europa sah sich nicht zuständig.

Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Doğan Akhanlı

„Madonnas letzter Traum“ erzählt von einer obsessiven Liebe, der Liebe Raif Efendis zu einer jüdischen Malerin. Ein tragisches Ende hat diese Liebe. Es folgt eine verzweifelte Spuren-suche Es geht um Maria Puder, eine junge Jüdin auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, die mit 768 anderen jüdischen Flüchtlingen auf dem Schiff Struma im Schwarzen Meer ertrank. 71 Tage war das Schiff ein schwimmender Sarg, schreiben Sie. Was war der Auslöser für diesen Roman?"

Doğan Akhanlı: "1999 habe ich das Buch von Sabahattin Ali, „Die Madonna im Pelzmantel“ wieder gelesen. Ich wollte für einen anderen Roman, eine Figur, die in diesem Zeitraum der 30er Jahre lebte, eine Sprache suchen. Ich dachte, vielleicht hilft es mir, wenn ich Sabahattin Ali, der damals geschrieben hat, lese und sehe, wie er schreibt und wie die Stimmung damals war. Und als ich das Buch beendete, taucht in mir ein Satz auf: „Die Nazis haben es den Juden ermöglicht, dass sie bei der  Geburt sterben. Denn am Ende des Buches von Sabahattin Ali, starb die Maria Puder bei der Geburt ihres Kindes. Und dann war die Frage für mich, wenn sie nicht bei der Geburt starb, wie ist sie dann gestorben?"

"Und dann fällt dieser zentrale Satz: 'So ist Maria Puder nicht gestorben'."

Doğan Akhanlı: "Das war sozusagen der Ausgangspunkt der Geschichte, wenn die Maria Puder nicht bei der Geburt starb, wie ist sie denn gestorben? Ich wollte mich mit der Bedeutung des Holocaust aus der Perspektive der Täter und der Opfer auseinandersetzen. Ich wollte wissen, was es für mich bedeutet, als Einwanderer, der mit einer Gewaltgeschichte in dieses Land kommt und erfährt, dass hier die damaligen deutschen Verbrecher sechs Millionen Menschen umgebracht haben, was bedeutet das für mich persönlich? Das war meine Hauptfrage, und ich wollte darüber schreiben, welche Bedeutung der Holocaust in der Welt hat."

"Es ist die Geschichte einer Liebe in den zwanziger, dreißiger Jahren in Berlin. Es ist aber auch die Geschichte des Flüchtlingsschiffs Struma, das keinen Hafen findet. Die sogenannte „neutrale“ Türkei lässt es nicht anlegen, die Araber wollen keine Juden, die Deutschen haben die Juden aus dem Lad vertrieben, und das russische U-Boot torpediert dieses Schiff. Das heißt türkische und deutsche Geschichte sind unglaublich eng verwoben."

Doğan Akhanlı: "Genau. Als Literat erlaube ich mir nicht nur das, was damals dort passierte zu erzählen, sondern auch, was dieser Massenmord für uns heute bedeutet."

"Zugleich liest sich diese Flüchtlingskatastrophe, bei der das Schiff mit Flüchtlingen nicht anlanden darf, unglaublich heutig."

Doğan Akhanlı: "Ja genau, als ob ich aufgrund des Mittelmeers ein Buch schreibe, ein politisches Buch. Aber den Roman habe ich 2002 beendet und 2005 in der Türkei veröffentlicht. Wie damals die Türkei und andere Staaten diese Passagiere behandelt haben, behandeln wir heute die Passagiere im Mittelmeer in Europa. Damals sind die Menschen aus Europa weggegangen, und andere Länder haben sich nicht mit den Flüchtlingen solidarisiert. Jetzt solidarisieren wir uns auch nicht. Aus der Geschichte wäre zu lernen, sagen wir, aber wir lernen zu wenig aus der Geschichte."

"Das heißt, das ist das gleiche kollektive Versagen wie damals?"

Doğan Akhanlı: "Ja, und auch peinlich für die Menschen in Europa."

"Sie erzählen Ihren Roman nicht linear, sondern Sie verweben drei Handlungsstränge. Sie verknüpfen die Vergangenheit mit der Gegenwart, und Sie erinnern an Sabahattin Ali und seine Novelle „Madonna im Pelzmantel“, die von Maria Puder spricht. Das bezieht sich auf das Jahr 1943. Warum verknüpfen Sie das?"

Doğan Akhanlı: "Weil das Thema sehr kompliziert ist. Die Verfolgung einer Gruppe in Europa und die Verfolgung einer Gruppe im Osmanischen Reich und die Verfolgung politischer Menschen in den Achtziger Jahren. Also, wenn ich alle drei Gewaltgeschichten miteinander verknüpfen will, brauche ich Hilfeleistung von Schriftstellern. Deshalb habe ich in diesem Roman Gabriel García Márquez benützt für die Dichtung des Dorflebens. Ich habe die Edgar Hilsenrath zu Hilfe gerufen, weil er groteske, absurde Gewaltgeschichte vereinfacht erzählen kann. Ich habe sogar Orhan Pamuk zu Hilfe gerufen, weil er so sachlich und ruhig tiefer gehen kann. Und ich habe den großen Kafka zu Hilfe gerufen, bestimmte absurde Situationen glaubwürdig zu erzählen. Ich habe alle diese genannten Autoren miteinander verknüpft und in meine Dankbarkeit erwähnt, damit der Leser weiß, woher kommt es, dass es keine einheitliche Erzählungsform gibt."

"Und sie haben Sabahattin Ali zur Romanfigur gemacht. Einen, der als Atatürk-Kritiker seinerzeit unter politischen Druck geriet, der 1948 über Bulgarien fliehen wollte und auf der Flucht ermordet worden ist. Das heißt, Ihr Roman ist auch ein Epitaph, ein Denkmal für ihn?"

Doğan Akhanlı: "Ja, das Buch ist meiner Mutter gewidmet, Sabahattin Ali und allen Passagieren der Struma. Sabahattin Ali ist einer der wichtigsten Prosa-Autoren in der Türkei, und er ist einer der ersten Ermordeten auf der Flucht vor Geheimdienstagenten. Das war ein Auftrag vom Staat, weil Ali sozialistische Ideen hatte. Und er hat auch die deutsche Literatur in der Türkei präsent gemacht. Er war für mich wichtig, ich habe alle seine Bücher gelesen, und mich mit ihm auseinandergesetzt. und identifiziert."

"Und die jüdischen Flüchtlinge tauchen auf als Namen, auf jeder Seite steht ein Name."

Doğan Akhanlı: "Ich wollte signalisieren und auch daran erinnern, dass ich nur eine Geschichte von vielen erzähle, dass nur eine Person eine Geschichte erzählt, aber es gibt weitere 800 Geschichten, die noch nicht geschrieben wurden und vielleicht nie geschrieben werden."

Doğan Akhanlı zu Gast auf dem Bayern 2 - Diwan am 6. Oktober, 14.05 Uhr


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