Bayern 2 - Diwan - Das Büchermagazin


15

Buchtipps für Weihnachten Handverlesen von den Diwan-Moderatoren

Für Leseratten und Bücherfreunde und solche, die noch keine Idee für ein passendes Weihnachtsgeschenk haben, und auch für solche, die Dieter Hildebrandts wunderbares Wortspiel: "Bildung kommt von Bildschirm und nicht von Buch, sonst hieße es ja Buchung" zu deuten wissen, haben die Moderatoren des Büchermagazins zum Jahresende noch eine handverlesene Bücherliste zusammengestellt. Auf dass Ihnen ein Licht aufgehe ...

Stand: 20.12.2018

Bücher als Lampen | Bild: colourbox.com

Comic-Grusel von Niels Beintker

Edgar Allan Poe und Lukas Jüliger "Berenice"
Barbara Yelin "Das Wassergespenst von Harrowby Hall"

Niels Beintker

Der Sprung ist durchaus kühn: Eine Geschichte von Edgar Allan Poe findet den Weg in unsere Welt mit Internet-Chats, Mangas, digitaler Obsession und düsteren Stadtlandschaften. „Berenice“ heißt Poes Erzählung über Paar, das einander nicht finden kann und daran zu Grunde geht, sie leibhaftig, er psychisch. Lukas Jüliger aus Berlin hat die dunkle Geschichte in einem Comic neu erzählt. Berenice ist darin ein Cam-Girl.

Lukas Jüliger: "Der Protagonist ist ein gesichtsloser, relativ junger Mensch. Gesichtslos deshalb, weil man sein Gesicht die ganze Erzählung über nicht sieht, weil er vollkommen zurück gezogen und hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen, in seinem Zimmer seinen Alltag fristet und nur im Internet existiert, mehr oder weniger."

Lukas Jüligers aufwändige, mit der Hand gezeichnete Adaption ist Teil der Comic-Reihe „Die Unheimlichen“ im Carlsen-Verlag. Kleine Bücher, die große gedankliche Räume entfalten können, gezeichnet jeweils in zwei Farben. Auch wenn „Berenice“ in einer anderen Welt als der von Edgar Allan Poe spielt: Einiges hat den Zeitsprung überdauert, darunter das zentrale Motiv der Zähne von Berenice, das verhängnisvolle Lächeln, wie es bei Poe heißt.

Lukas Jüliger: "Bei Poe sind die Zähne das Einzige, was am Ende von seiner Obsession übrig bleibt. Meine Adaption ist ja wirklich sehr frei. Ich dachte mir, das ist das zentrale Element, das ich beibehalten sollte."

Subtiler Schauer ist garantiert. Zu den Zeichnerinnen und Zeichnern der Reihe „Die Unheimlichen“ gehört auch Barbara Yelin aus München. Mit John Kendrick Bangs Geschichte „Das Wassergespenst von Harrowby Hall“ hat sie eine Gespenster-Parodie neu erzählt, in ihrer expressiven Handschrift, mit Bleistift und Aquarell-Farben. Ironie und Leichtigkeit sind auch den Bildern anzumerken. Schließlich geht es um ein Gespenst, das niemand ernst nimmt. Und das hat Barbara Yelin hinreißend gezeichnet, schaurig und komisch zugleich, in blauer Farbe. Eine Frau.

Barbara Yelin: "Der Sympathieträger bei mir ist das Gespenst geworden. Weil es war toll, sich zu überlegen, wie kommt die aus dem Boden geblubbert, wie spricht die und wo regnet die."

Auch diese Geschichte geht über das Original hinaus, bis in unsere Zeit. „Das Wassergespenst von Harrowby Hall“ und „Berenice“ – gezeichnet von Barbara Yelin und Lukas Jüliger –, zwei Bände der Comic-Reihe „Die Unheimlichen“, herausgeben von der Hamburger Künstlerin Isabel Kreitz. Spielerischer und gleichzeitig tiefgehender Comic-Grusel. Uaaaaahhhh.

Schmökern mit Martina Boette-Sonner

Carsten Niebuhr „Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern"

Martina Boette-Sonner

„Reisebeschreibung nach Arabien“ prangt in großen Lettern auf dem dunkelroten Umschlag dieses gewaltigen Buches, und darunter kleiner „und anderen umliegenden Ländern“. Der Autor dieses Werks: ein gewisser Carsten Niebuhr, geboren in der Nähe von Cuxhaven. Sein Beruf: Er ist Astronom, Mathematiker und Geometer und er bricht zu einer ungewöhnlichen Expedition auf. Wir schreiben den 21. Januar des Jahres 1761. Bezahlt wurde die Unternehmung  seinerzeit vom Dänischen König. Für die männliche Reisegruppe, neben Niebuhr ein Philologe, ein Naturkundler, ein Arzt, ein Kupferstecher und Maler und ein Diener, wird es ein gewaltiges Abenteuer werden.

Die Expedition führte von Kopenhagen aus über Konstantinopel, Alexandria, Kairo bis nach Bombay, besuchte Basra, Bagdad, Mosul und viele andere Städte, erkundete die Türkei, Ägypten, Syrien, den Libanon und den Jemen, kehrte auf teilweise beschwerlichem Landweg  zurück. Das Besondere:  Die Crew und ihre Wissenschaftler waren unterwegs um Land und Leute zu erkunden. Mit großer Akribie notierte Carsten Niebuhr alles was ihm begegnete. Wir erfahren Gewohnheiten und Bräuche der jeweiligen Länder, es finden sich wunderbare Zeichnungen und Kupferstiche  von Wassermaschinen, von Kopfbedeckungen, von Tänzen und sogar von Leibesübungen. Wir finden Landkarten und Stadtpläne, Abbildungen von Gebäuden und Palästen, von Schriftzeichen und Schriften  und vieles mehr. Das Schönste jedoch: Carsten Niebuhr hat einen nahezu vorurteilslosen Blick auf diese für ihn neue Welt.  Als er nach sieben Jahren allein zurückkehrte, hatte man in der Heimat die Expedition fast vergessen und Niebuhr, der Forschungsreisende, lebte fortan unauffällig in Meldorf in Schleswig-Holstein. „Reisebeschreibungen nach Arabien“ ist ein großartiges Lese -und Schmökerbuch, man staunt und stutzt: denkt nach über den Blick, den wir heute haben auf diese so spannenden Weltgegenden und halten es mit Johann Gottfried Herder, der an Carsten Niebuhr, den neugierigen Entdecker, schrieb:

„Ich möchte in meinem Leben gern einmal einen Hadschi sprechen, der die gelehrteste Pilgrimschrift der berühmtesten Länder und Städte der alten Welt gemacht hat und einen sorgfältigeren als Sie gewesen sind, wird es nicht so leicht geben. Wie muss dem zu Muthe gewesen seyn, der dies alles sah und erfuhr und so mancherlei Klimata, Religionen und Völker durchirrte, wenn er zuletzt in einem stillen Winkel des nördlichen Europas lebet.“

Mit Maria Klaner in eine Welt der Stille und Größe

Christopher de Hamel: "Pracht und Anmut. Begegnungen mit zwölf herausragenden Handschriften des Mittelalters"

Maria Klaner

Es ist ein Buch von geradezu einschüchternden Ausmaßen und zudem völlig aus der Zeit gefallen: der 750 Seiten starke Band „Pracht und Anmut“, ein wuchtiger und überaus passender Titel für die „Begegnungen mit zwölf herausragenden Handschriften des Mittelalters“. Geschrieben wurde das Buch von Christopher de Hamel, einem britischen Paläographen, der lange bei Sotheby‘s für kostbare alte Handschriften zuständig war und heute in der Parker Library in Cambridge arbeitet.
De Hamel stellt 12 handgeschriebene Bücher vor, die zwischen dem 6. und dem 16. Jahrhundert entstanden sind. Einige sind durch Welten und Zeiten gereist, andere haben ihren Entstehungsort nie verlassen. Eines haben sie gemeinsam: sie sind praktisch unzugänglich, viel zu kostbar, viel zu empfindlich, zu einzigartig, um sie öffentlich zu zeigen. Das größte dieser Bücher ist der voluminöse Codex Amiatinus, eine Bibelabschrift, die im 7. Jahrhundert in England entstanden ist – reich illuminiert, wie alle Handschriften, die hier vorgestellt werden. Das kleinste ist das elegante Stundenbuch der Johanna von Navarra mit zauberhaften Malereien, eingebunden in helles Maroquinleder mit Goldverzierungen, innen ausgekleidet mit karmesinroter Seide und Goldbordüren, ein Gebetbuch – klein genug für die zarten Hände der Königin.

Christopher de Hamel bringt diese Schätze zum Sprechen. Er erzählt souverän und mitreißend die Geschichte der Bücher, geht ein auf die Bilder, auf die Künstler und ihre Zeit, die Technik, die Farben, die Inhalte und die Symbole, die wir heute nicht mehr lesen können. Das allein wäre schon die Lektüre wert. Aber dieses Buch geht weit darüber hinaus: Die Handschriften und Buchmalereien zeugen von einem grundsätzlich anderem Verhältnis zur sichtbaren und unsichtbaren Welt, einer Welt die still ist und groß, in der das Schöne auf das Göttliche verweist und der Mensch seinen Platz in einer größeren Ordnung findet. Anders gesagt: ein zauberhaftes Buch.

Schwelgen und Träumen mit Cornelia Zetzsche

Klaus-Jürgen Liedtke (Hrg) „Die Ostsee. Berichte und Geschichten aus 2000 Jahren“

Tomas Tranströmer „Ostseen“

"Er brachte sie in die Ostsee, durch das wunderbare Labyrinth von Inseln und Wasser.
Und die einige Stunden oder Tage lang an Bord zusammenkamen und vom selben
Schiffsrumpf getragen wurden
wie gut lernten sie einander kennen?

Wenn dichter Nebel war, halbe Fahrt, kaum Orientierungssicht. Aus dem Unsichtbaren
kam die Landzunge mit einem einzigen Schritt und war ganz nahebei.
Heulende Signale jede zweite Minute. Die Augen lasen direkt im Unsichtbaren.
Hatte er das Labyrinth im Kopf?"

(Übersetzung Hans Grössel)

Cornelia Zetzsche

Auch ein Meer kann man lesen, seine Küstenstädte, Länder und Provinzen, Jahresringe, historische Spuren oder Wege durch die Dünen, Wallfahrten, Schiffbrüche, Wellenstimmen. Mit 128 Zeugnissen aus 2000 Jahren, von Tacitus bis zu Tomas Tranströmers  Lotsen-Gedicht, mit Texten berühmter Schriftsteller, Reisender und Philosophen, aber auch Volkspoesie, porträtiert Klaus-Jürgen Liedtke dieses relativ junge, relativ flache  Meer und zeigt eine transnationale, friedliche Gemeinschaft zwischen Schweden und Polen, Dänemark und Russland. In dem opulenten, zweifarbigen Prachtband läßt sich reisen, schwelgen und träumen.

"Die Minuten vergingen.
Untiefen und Felseninselchen memoriert wie Gesangbuchverse.
Und dieses Gefühl: genau hier sind wir“, das man erhalten muss, wie wenn man ein
randvolles Gefäß trägt und nichts verschüttet werden darf."


15