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Am 8. März ist Weltfrauentag Schwerpunkt im Büchermagazin

"Die Welt gegenüber", heißt der neue Erzählband von Eva Schmidt, in dem Menschen Nähe aus der Distanz und umgekehrt suchen. Über Neuerscheinungen zum Thema Feminismus unterhalten sich Stephanie Metzger und Martina Boette-Sonner. In "Brüste und Eier" von Mieko Kawakami geht es um japanische Frauen im Korsett sozialer Ansprüche und bei Raphaela Edelbauers irrwitzigen Roman "Dave" um Künstliche Intelligenz. In "Junischnee" erzählt Ljuba Arnautović an Hand ihrer eigenen Familiengeschichte das Drama des 20. Jahrhunderts in Wien, Moskau und im Gulag.

Von: Marie Schoeß

Stand: 05.03.2021

Schriftstellerin Eva Schmidt | Bild: colourbox.com

"Die Welt gegenüber" - Erzählungen von Eva Schmidt

Schreiben sei einfach furchtbar anstrengend, erklärt die Schriftstellerin Eva Schmidt. Und sie meint nicht das Schreiben selbst, das sicher auch mal anstrengend sein kann, sondern das Drumherum:
"Wenn ich an etwas dran bin, dann bin ich ständig unter Spannung, das geht dann auch in den Privatbereich hinein, also nicht nur in den paar Stunden, die ich am Schreibtisch sitze, sondern das geht in den Abend hinein, in die Nacht und ins Privatleben. Ich hatte zum Beispiel sehr lange das Gefühl, dass sich das mit den Menschen in meiner Umgebung nicht vereinbaren kann, das macht fast ein bisschen unsozial. Also: Ich mag mich dann selber nicht, wenn ich dann so abwesend bin und unaufmerksam. Aber es geht nicht anders," erzählt Eva Schmidt.

Es geht nicht anders, weil sie es ernst meint mit ihren Geschichten, weil sie lebendige Figuren erschafft, statt Figuren zu konstruieren. Das heißt: Sie lässt sich von ihren Charakteren führen, entdeckt erst beim Schreiben, in welche Richtung sie gehen, welche Gesichter sie annehmen, wie sie sich entwickeln. Und das ist nur ein Aspekt, der Marie Schoeß an Schmidts jetzt veröffentlichten Geschichten so gefallen hat. „Die Welt gegenüber“ heißt der Erzählband.
Es ist eigentlich nur ein Absatz, die Sprache: ausgesprochen schlicht, und doch ist die Leserin nach den letzten Zeilen dieser geradezu erledigt. Keine Chance, einfach so weiterzublättern und in die nächste Erzählung einzutauchen:

"Im Nachbarhaus wohnt jetzt eine Familie mit einem kleinen Kind. Wenn ich daran vorbeikomme und jemanden im Garten sehe, grüße ich, gehe aber so rasch wie möglich weiter. Ich möchte keine neuen Bekanntschaften mehr schließen. Ich bin nicht mehr gut zu Fuß, hinke und stolpere über Hindernisse, die gar nicht vorhanden sind. Auch Baldur hinkt. Meist gehen wir erst abends, wenn es dunkel ist, aus dem Haus, damit uns niemand sieht."

aus 'Die Welt gegenüber', erschienen bein Jung und Jung

Eva Schmidt: "Ich kann das dann selber einfach spüren, aber ich bin natürlich auch in einem Alter, in dem solche Dinge spürbar werden, also ich hinke auch manchmal durch die Gegend mit meinem Hund und mein Hund hinkt auch."

Schriftstellerin Eva Schmidt mit ihrem Hund

Eva Schmidt schmunzelt, die Sache aber ist: Wer von der hinkenden alten Dame liest, ist dem Schlucken, um nicht zu sagen: Weinen viel näher. Denn mit dem Wunsch, sich zurückzuziehen, keine Bekanntschaften mehr zu schließen – ist der Figur jede Lebenskraft geraubt. Weg ist die sympathische Aufdringlichkeit, mit der sie uns zu Beginn der Geschichte vorgestellt wurde. Weg die Neugier, mit der die Frau aus dem Fenster in den benachbarten Garten späte, Unterhaltungen in Gang setzte und sich ihrem Gegenüber durchaus auch mal aufdrängte. Kurzum: Da ist keine Lust mehr spürbar, das Leben außerhalb der eigenen vier Wände zu entdecken. Und so zeigen schon diese wenigen Zeilen, dass Eva Schmidt mit schlichter, fast könnte man sagen: kühler Sprache einige Gefühle im Leser auslöst und im ganz gewöhnlichen Leben Abgründiges aufspürt. Dabei arbeitet sie auf ausgesprochen kluge Weise mit einer Figur aus dem Alltag: mit dem Nachbarn, diesem Menschen, der oft entweder unangenehm nah oder viel zu distanziert ist.

Eva Schmidt: "Die Nähe und Distanz spielt insofern eine Rolle, weil das ja oft Menschen sind, die allein leben oder eher ein bisschen einsam sind. Und es ist ja immer der Wunsch da nach Nähe oder über sich hinauszuwachsen, über das eigene Ich – das scheitert natürlich ganz oft, aber der Versuch ist immer da. Und ich glaube, darum geht es auch im Menschen-Beobachten, Nachbarn-Beobachten. Also, die Frau in einer Geschichte, die stellt sich einen Stuhl ans Badezimmerfenster, damit sie runtersieht, aber die hat nicht das Gefühl, dass sie eine Voyeurin ist oder dass sie da etwas Unanständiges macht, sondern für sie ist das ganz selbstverständlich, weil sie den Kontakt, sie sucht eigentlich den Kontakt."

Um den Versuch, Nähe herzustellen, kreist eigentlich jede der Geschichten. Und je mehr Zeit man in diesem Erzählband verbringt, je länger man über die Figuren nachdenkt, desto weniger wird man in der Nachbarin am Fenster die freche Voyeurin erkennen. Viel eher schon: eine Frau, die sich dafür interessiert, im Schatten am gegenüberliegenden Fenster Leben zu erkennen, ein Gegenüber, eine Chance, in Beziehung zur Welt zu treten. Und natürlich erkennt man in den Charakteren auch die Figur der Schreibenden, eine Andeutung von Eva Schmidt womöglich, zu der die Sätze gut passen würden, die sie der Erzählerin der allerersten Geschichte in den Mund legt:

"Es waren nicht viel mehr als Andeutungen von Leben, kleine Ausschnitte von Alltäglichem, zusammengesetzt aus kurzen Auftritten und spärlichen Gesten mir vollkommen fremder Menschen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen."

aus 'Die Welt gegenüber'

Das Interessante ist, wie viel Spannung in diesen Ausschnitten von Alltäglichem stecken kann. In einer Geschichte zum Beispiel beobachten wir eigentlich nur eine Mutter dabei, wie sie ihre Tochter nicht zudeckt, wie sie nicht zur Decke greift, um die Tochter zu wärmen. Die Szene kommt fast ohne Handlung aus, auch ohne Erzählung großer Gefühle. Und doch stellt sich, so wie Eva Schmidt die kleinen Gesten einfängt, wie sie die unheimliche Stimmung im Leser evoziert, die zwischen Mutter und Tochter herrscht, schnell das Gefühl ein, dem Abgrund ziemlich nah zu kommen. Es ist – paradoxerweise – spannend, davon zu lesen, dass nichts geschieht. Wie sie diese Spannung erzeuge, fragt man die Autorin, aber die winkt ab: Das sei nicht bewusst hergestellt. Sie habe das mal versucht, Geschichten zu konstruieren, selbst zu wissen, wie sie ausgehen – aber das sei nicht ihre Art zu schreiben.

Eva Schmidt: "Für mich ist es selber spannend, weil ich eben auch nicht weiß, wie es weitergeht, und immer wenn die Geschichte weitergeschrieben wird, dann ist ja die leere Seite da und dann denke ich mir: Was macht der als nächstes und was passiert da jetzt? Also, diese Spannung geht tatsächlich von mir selbst aus."


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