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Alissa Ganijewa "Eine Liebe im Kaukasus"

Der neue Roman der aus Dagestan stammenden Autorin Alissa Ganijewa erzählt von einer postsowjetischen Welt zwischen Tradition und Moderne. Darin treffen Heiratsvorschriften und Freiheitsdrang, Verwurzelung und Globalisierung aufeinander.

Von: Christine Hamel

Stand: 09.08.2016

Alissa Ganijewa | Bild: Greg Bal/Suhrkamp Verlag

Alissa Ganijewas Bücher über Dagestan sind Romane im Breitwandformat über den zu Russland gehörenden Nordkaukasus, eine Region, aus der zumeist Horrornachrichten dringen, über deren konkrete Lebensverhältnisse wir aber ansonsten nicht viel wissen. Das Prinzip ihres neuesten, ins Deutsche übertragenen Romans "Eine Liebe im Kaukasus" sind short cuts: Gezeigt wird ein Alltag, in dem Traditionen wirksam sind, die allerdings längst ihre bindende Kraft verloren haben, eine verkehrte Welt, in der das Intime obszön geworden ist, das Gesellschaftliche brachial und das Soziale grotesk.

Archaische Bräuche und gegenwärtige Kultur

Die Geschichte umkreist die 25-jährige Patja und den jungen Rechtsanwalt Marat, beide Dagestaner, die in Moskau leben und arbeiten, sich aber erst bei ihrem Besuch in ihrem Heimatort kennenlernen. Der Schauplatz ist eine namenlose Ortschaft an der Bahnstrecke, irgendwo im baumlosen Flachland vor dem Kaspischen Meer. Die Menschen wurden hierher in den 40er-Jahren aus ihren Dörfern in den schwer zugänglichen Bergen umgesiedelt. Dabei gingen Traditionen, Kultur, Sprache und Sitten verloren. Das ist das Setting, in das Alissa Ganijewa hektisches Hochzeitstreiben um ihre beiden heiratsunwilligen Helden platziert.

"Die Realität im Nordkaukasus ist rau. Niemand kann selbst für sich entscheiden, jeder ist Teil der Gesellschaft, des Klans und der Familie. Ein Erbe der agrarischen, archaischen Kultur, in der die Hochzeit den Höhepunkt aller gesellschaftlichen Aktivitäten bildet. Ich finde es interessant, wie diese archaischen Bräuche die gegenwärtige Kultur des Kaukasus beeinflussen. Die Menschen haben sich natürlich verändert. Alle sind von den Bergen in die Ebene gezogen. Die Askese der Berge ist verschwunden, das einfache Leben. Heute rennen alle hinter irgendwelchen Moden und brands her, aber die Hochzeit spielt weiterhin eine zentrale Rolle. Sie ist ein riesiges Geschäft und mein Buch zeigt ihre ganze Absurdität."

Alissa Ganijewa

Mütterliche Ehevorschläge

Marats Eltern etwa hat die Panik gepackt. Der Vater hat ein Auto verkauft und schon mal einen Bankettsaal für 1000 Hochzeitsgäste angemietet – ein wirksames Druckmittel für den in Sachen Vermählung nicht gerade engagierten Sohn. Das Datum steht fest, nur die Braut fehlt. Umso hochtouriger läuft die Suche, die die Mutter in die Hand genommen hat.

"'Also schau mal', begann die Mutter, holte ihre Brille aus der Kitteltasche und strich den Zettel der Heiratskandidatinnen glatt, 'als Erste steht bei mir Barijatkas Tochter.'
'Ausgerechnet! Die kriegt doch keinen zusammenhängenden Satz raus', protestierte Marat.
'Legst du Wert darauf, dass sie öffentlich Reden hält? Du bist ja lustig, Marat. […]'
'Bei Barijatkas Tochter ist sofort klar, dass sie eine Idiotin ist.'
'Wieso, hast Du mit ihr geredet?'
'Ich habe mir ihre Seite im Internet angeguckt. Die fotografiert sich die ganze Zeit selbst. Und sonst: Bildern von Kätzchen und koranlesenden Kindern, Statusspruch: Ich bin Frau Trick aus der Dag-Republik, gehört zur Gruppe Daggy-Maggy-Muslimas … Streich sie durch!'"

aus: Alissa Ganijewa, "Eine Liebe im Kaukasus", aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Christiane Körner, 239 Seiten, Suhrkamp Verlag

Verzweiflungsgrelle Comedy und islamische Mystik

Patja ergeht es zu Hause nicht anders. Auch sie wird ständig mit Fragen gelöchert, ob in Moskau noch niemand um sie geworben habe und wen sie denn zu heiraten gedenke. Zudem muss sie Timurs Avancen abwenden, denn der soll es garantiert nicht sein: "Timur führte mich selbstzufrieden daher wie eine auf dem Basar gekaufte Ziege, ohne sich meinem immer schleppenderen Schritt anzupassen, er gab vorbeikommenden Männern die Hand und nickte gravitätisch den Matronen der Siedlung zu, die geblümte Kopftücher und im Wind blähende Kaftane trugen." Die Tonlage dieses kraftvollen und farbigen Romans ist verzweiflungsgrelle Comedy. Es knirscht im Gebälk der Wirklichkeit, die Welten passen nicht mehr zueinander. Die Konventionen nicht zur Moderne, die zunehmend einflussreichen Wahabiten nicht zur sufistisch geprägten Tradition Dagestans, die Folklore nicht zum gierigen Konsum, der Aberglaube nicht zum abgeklärten Pragmatismus und rigorosen Eigennutz.   

"Die Handlung spielt in einer geschlossenen Gesellschaft, sie ist traditionsverhaftet, etwas marginal, konservativ und steif, es geht hier gar nicht um authentische kaukasische Kultur, sie leben vielmehr in einem Surrogat, das ein wilder Cocktail ist aus Konsum, neuer islamischer Mode und Grabenkämpfen zwischen verschiedenen Moscheen, Bürokratie und Klatsch und Tratsch. Ich selbst steuere noch einen mystischen Aspekt bei, mein Roman bewegt sich nicht nur auf der realistischen Ebene. Er ist vielmehr von Sufismus durchdrungen."

Alissa Ganijewa

Die islamische Mystik hat das poetologische Konzept des Romans inspiriert, der im Original "Bräutigam und Braut" heißt – shenich i nevesta. Die Dualität des Titels ist dabei ein Leitmotiv; es gibt eine männliche und eine weibliche Erzählperspektive sowie eine Fülle von doppeldeutigen oder antagonistischen Szenen. Am Ende der Geschichte wird keiner verheiratet im Kaukasus, aber Marat und Patja verlieben sich ineinander, ohne jedoch zueinander zu finden. Einheit stiftet allein die Vereinigung von Mensch und Gott. Unterdessen aber erliegt man diesem funkelnden, anspielungsreichen und motivgesättigten Roman, der der kaukasischen Wirklichkeit und ihren Bewohnern manchmal vielleicht etwas fremdenverkehrsamtlich, aber doch immer dicht und unerbittlich auf die Blumenröcke und den Pelz rückt. 

Diwan

Für das Bayern 2-Büchermagazin hat Christine Hamel "Eine Liebe im Kaukasus" von Alissa Ganijewa gelesen.
Diwan, 14. August 2016, 14:05 Uhr auf Bayern 2 (Wiederholung 21:05 Uhr).


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