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Himmelfahrt Der Traum vom Fliegen

Der Feiertag Mariä Himmelfahrt – ein Anlass, unter anderem über die Himmelfahrt nachzudenken und damit zum Beispiel über den Traum vom Fliegen. Nicht in einem Flugzeug, sondern nah und unmittelbar – wie ein Vogel.

Von: Katharina Kestler

Stand: 10.08.2018 | Archiv

Ein Wingsuit-Flieger während eines Wettbewerbs in China | Bild: picture-alliance/dpa

Die wenigsten Menschen sind dem Traum vom Fliegen so nahe, wie der Franzose Loic Jean Albert in diesem Moment. In einem so genannten Wingsuit stürzt er sich im schweizerischen Verbier vom Gipfel. Wie Superman saust er nur wenige Zentimeter über den Köpfen von Skifahrern vorbei Richtung Tal. Für den nötigen Auftrieb sorgen ein paar Zentimeter Stoff zwischen Armen und Beinen. Mit winzig kleinen Bewegungen steuert Loic seinen Flug, am Ende zieht er den Fallschirm.

Fliegen wie ein Vogel - mit einem Wingsuit

Das Video des Sprungs verbreitet sich 2003 rasend schnell im Netz, viele halten es erst für einen Fake. Doch die Sportart hat einen Namen: Wingsuit Proximity Flying oder Wingsuit Basejumping. Der Traum davon, wie ein Vogel zu fliegen, ist näher als je zuvor. Doch bis zu diesem Zeitpunkt haben den Traum schon mehr als 70 Menschen mit dem Tod bezahlt. Trotzdem geht die Entwicklung weiter.

Felix Baumgartner springt aus 39.000 Metern Höhe auf die Erde

"Sometimes you have to be up really high, to understand how small you are. I’m coming home now."

Felix Baumgartner

Felix Baumgartner

Manchmal musst du wirklich weit oben sein, um zu verstehen wie klein du bist. Ich komm jetzt heim, schnauft der österreichische Extremsportler Felix Baumgartner im Oktober 2012 in seinen Raumanzug. Dann springt er aus 39.000 Metern Höhe ab, erreicht eine Geschwindigkeit von 1.342,8 Kilometern pro Stunde und durchbricht die Schallmauer. Live in 200 Fernsehsendern weltweit, vor den Augen von acht Millionen Livestream-Zuschauern, finanziert von Red Bull.

"Nach Red Bull Stratos fürchte ich mich nichts mehr."

Felix Baumgartner

Trotzdem setzt sich Baumgartner danach zur Ruhe, seine Kollegen nicht. Drei Jahre später rast Alexander Polli im Wingsuit zielgenau durch einen Felsspalt. 2017 durchschießt Sven Ugau im Wingsuit-Flug mit dem Kopf voraus drei Zielscheiben in direkter Bodennähe. Wenig später fliegen zwei seiner Sportkameraden durch eine keine zwei Meter breite Tür in ein fliegendes Flugzeug.

Waghalsige Sprünge von mutigen Vogelmännern

Was möglich ist, wird auch gemacht. Auch Sprünge völlig ohne einen Fallschirm und Wingsuit: Der amerikanische Actionsportler Travis Pastrana vertraut dabei darauf, dass seine Mitspringenden mit Schirm ihn in der Luft auffangen. Der Stuntman Gary Connery verlässt sich auf die dämpfende Wirkung einer riesigen Landebahn aus leeren, aufeinander gestapelten Kartons.

"Ich wollt einfach der wilde Hund sein. Ich glaube, wenn ein Mensch das mal gefühlt hat, wenn da tausende Leute zuschauen und applaudieren und dann hat man das Gefühl du hast jetzt eine gute Sache gemacht und danach strebt man, das ist ein tolles Gefühl."

Gleitschirmflieger Max Biedermann

Max Biedermann

Und für dieses Gefühl geht auch Max Biedermann an Grenzen. Er will einen sogenannten Rollover machen. Einen Salto mit dem Gleitschirm. An einer steilen, 600 Meter hohen Felswand am Eiger Gletscher in der Schweiz. Sollte etwas schiefgehen, es sei seine eigene Entscheidung gewesen, sagt er noch vor dem Sprung. Und dann geht es schief. Max Biedermanns Gleitschirm kann sich nicht mit Luft füllen und er fällt 400 Meter in die Tiefe. Doch er hat Glück – ein Rettungsschirm rettet ihm das Leben.

"Mir ist schon bewusst, dass ich da viel Glück gehabt hab und viele Schutzengel. Weil normalerweise überlebst sowas nicht. Wenn man die Aufnahmen sieht, grenzt es an ein Wunder, dass ich das überlebt habe."

Gleitschirmflieger Max Biedermann

Fünf Monate später fliegt Max Biedermann wieder. Der Traum vom Fliegen, er macht scheinbar süchtig.  

Voll im Hier und Jetzt – das Gefühl von Freiheit

"Es ist Freiheit. Es gibt nur mich. Und das Spiel mit der Schwerkraft. Es ist nicht nur ein Sprung, es ist dieser Sprung ins Leere, ins Ungewisse. Ich bin voll da, voll im Hier und Jetzt, alle Ängste und Zweifel sind verschwunden. So fühlt sich lebendig an."

Maximilian Werndl, ehemaliger Basejumper

So beschreibt Basejumper Maximilian Werndl sein Gefühl in der Luft im Dokumentarkurzfilm "Last Exit". Maximilian Werndl ist mittlerweile ausgestiegen, er springt nicht mehr.

"Ich könnt jetzt wieder ewig drüber schwärmen, was es für positive Seiten an diesem Sport gibt. Aber es ist kompletter Irrsinn, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Seine Gesundheit. Und diese Zukunft, die man hier haben kann. Und das Glück und vielleicht die Leben, die man noch auf die Welt setzen darf. Und das alles aufs Spiel zu setzen, für ein Gefühl – ist Irrsinn."

Maximilian Werndl, ehemaliger Basejumper

Sprung in den Tod: 337 Basejumper sind bislang gestorben

Maximilian Werndl

Alle zwei Wochen stirbt ein Basejumper. Eine in den 80er Jahren eingeführte Liste verzeichnet bis zum heutigen Tag 337 Tote. Der Rosenheimer Maximilian Werndl ist einer von dreien, die heute noch leben – aus einer Freundesgruppe von ursprünglich zehn. Er sagt, seine toten Freunde haben ihm das Leben gerettet, weil sie ihm seine Abgestumpftheit vor Augen geführt haben. Doch auch Maximilians Freundin Claudia hat ihren Anteil, wie der Dokumentarfilm "Last Exit" zeigt.  

"Ich habe versucht, es zu verstehen, aber ich kann es nicht. Du sagst, ich soll Vertrauen haben. Vertrauen in das Leben. Vertrauen in dich. Doch was ist mit all denen, die sterben? Auch ihnen wurde vertraut. Sie hinterlassen Familien. Freunde. Kinder.  Warum tust du das, du bist doch mein Mann? Ich liebe dich."

Claudia im Dokumentarfilm 'Last Exit'

Claudia rüttelt Maximilian wach und bringt ihn dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

"Dieses immer weiter gehen, immer wieder einen drauf setzen, immer neu sich diesen Kick holen, das ist wirklich zu hinterfragen. Bei mir war das eine Art der Betäubung, ich habe halt schlechte Gefühle oder meine Minderwertigkeit, die ich so verspürt hab, Selbsthass würde ich es jetzt nennen, damit betäubt. Weil ich wusste, da oben bin ich ich, da bin ich gut, und das kann ich. Ich wollt immer nur wieder da rauf, das war das einzige, was für mich gezählt hat."

Maximilian Werndl, ehemaliger Basejumper

Von dieser Sucht, wie Maximilian es heute bezeichnet, kommt man nicht so schnell runter. Zwei Jahre arbeitet er mit einem Coach, bis es Zeit wird für den letzten Sprung am Monte Brento bei Arco in Italien.

"Unten in der Wiese, war das schon eine Last, die von meinen Schultern runtergefallen ist. Einerseits wehmütig, aber andererseits dankbar, dass ich gesund rausgekommen bin, aus der Zeit."

Maximilian Werndl, ehemaliger Basejumper


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