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Ein neuzeitlicher Troubadour Jorge Drexler “Salvavidas de hielo”

Der Stil, den der 53-jährige gebürtige Uruguayer pflegt, ist irgendwo zwischen Bossa Nova, Pop, Jazz und Elektro anzusiedeln, zumindest war das bisher so. Jetzt hat er ein neues Album vorgelegt: "Salvavidas de hielo".

Stand: 17.10.2017

CD-Cover "Salvavidas de hielo" von Jorge Drexler | Bild: Warner Music Latina, Montage: BR

Es hat sich einiges verändert auf dem neuen Album von Jorge Drexler. Das betrifft vor allem die Instrumentierung seiner Lieder. Elektronik hört man diesmal überhaupt nicht,  Drexler hat sich vollständig auf die Akustikgitarre focussiert. Er wollte mit unterschiedlichen Gitarretypen alle Klangoptionen ausschöpfen, die eine Gitarre hergibt. Das betrifft also nicht nur die Saiten, er benützt  sie auch dezent als Perkussionsinstrument und verfremdet die Klänge manchmal, so dass sie etwas elektronisch klingen, ohne jedoch Elektronik einzusetzen.

Ein klingendes Denkmal

In einem Interview sagte er dazu: "Dieses Album ist eine Hommage an die beiden grundlegenden Arbeitsgeräte der mittelalterlichen Troubadoure: Gitarre und Stimme." Ein neuzeitlicher Troubadour ist für Jorge Drexler zum Beispiel der andalusische Liedermacher und Dichter Joaquín Sabina, der als Widerstandskämpfer während der Franco-Diktatur gezwungen war, ins Exil nach London zu gehen.  "Pongamos que hablo de Martínez" setzt Jorge Drexler ihm ein klingendes Denkmal – auch weil Sabina ihn seit seiner Ankunft in Spanien permanent unterstützt hat.

Hommage an die Gitarre - oder an die Frauen?

“Salvavidas de hielo” ist auch diesmal ein interkontinentales Werk, das diesmal zwischen Madrid und Mexiko entstanden ist. Dazu hat er sich auch drei mexikanische Liedermacherinnen eingeladen. Die Tatsache, dass auf diesem Album ausschließlich Gastsängerinnen zu hören sind, hängt angeblich auch damit zusammen, dass "Salvavidas de hielo" auch eine Hommage an die Gitarre ist, die mit ihren Rundungen eine sehr weibliche Form hat. Musikalisch klingt Mexiko ab und zu ein bisschen durch, zum Beispiel mit einer "Ranchera", einer typisch mexikanischen Musiktradition. Jorge Drexler ist sich aber insofern treu geblieben, als er mit seiner Gitarrenkunst ganz vieles anklingen lässt: Die südamerikanische Milonga, den perkussiven uruguayischen Candombe, auch karibischen Calypso – und das alles verbunden mit seiner modernen Liedermacherei und seinem schönen, warmen Gesang.

Arbeit mit der Unvollkommenheit

Inhaltlich hat ihn diesmal das Thema der Vergänglichkeit inspiriert.  Die Vergänglichkeit der Dinge und des gesamten Lebens steht im Mittelpunkt und damit verbunden auch die Bereitschaft, diese Vergänglichkeit zu akzeptieren. Aber dieses Thema hat auch einen künstlerischen Hintergrund: "Mit Liedern zu arbeiten, bedeutet auch immer mit Unvollkommenheit zu arbeiten!", sagt Drexler dazu und weiter: "Ein Lied ist ein wunderbar unvollkommenes Genre. Es ist weder 100% Poesie noch 100% Musik.“ Diese Gedanken brachten ihn dann auch auf den Albumtitel "Salvavidas de hielo" - auf Deutsch "Rettungsring aus Eis". Denn Eis schmilzt irgendwann und dann muss man doch wieder weiter schwimmen.


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