Bayern 2 - Bayern 2-Favoriten


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Fotografien aus der Sammlung Karl Valentin Karl Stankiewitz: Münchner Originale

Er war ein großer Sammler: Der Münchner Volkskomiker Karl Valentin trug Fotos und Bilder von eigentümlichen Persönlichkeiten seiner Heimatstadt zusammen. Karl Stankiewitz hat die Sammlung jetzt inhaltlich und geschichtlich eingeordnet: Münchner Originale heißt der Bayern 2-BuchFavorit.

Von: Christoph Leibold

Stand: 08.10.2019

Buchcover: Münchener Originale | Bild: Allitera Verlag; Montage: BR

Bayern 2-Favoriten: Was steckt hinter der Sammelwut von Karl Valentin?

Karl Stankiewitz: Karl Valentin hat die Stadt München geliebt, er hat alles gesammelt. Das alte München war für ihn ein Paradies, ein unentdecktes Paradies. Und das wollte er irgendwie dokumentieren durch seine vielen Bilder. Denn vieles von dem, was er da gesammelt hat, war auch schon damals den Menschen nicht mehr bekannt.

Bayern 2-Favoriten: Über 100 Abbildungen von Münchner Originalen hat Valentin dem Stadtarchiv schon zu Lebzeiten vermacht. Aber dann gab es noch einen Sensationsfund. Was ist da aufgetaucht?

Karl Stankiewitz: Ja, das war im letzten März. Plötzlich erfuhr ich: Im Stadtarchiv in einer Schublade wurden noch die originalen Glasbilder gefunden, die bisher nur teilweise als Fotografien bekannt waren - und er hat diese Original-Glasbilder benutzt für seine Vorträge.

Bayern 2-Favoriten: Valentin hat also selber diese Menschen in Vorträgen vorgestellt?

Karl Stankiewitz: Ja, man weiß nicht genau, wie oft und wo das war. Man weiß auch nicht, was er eigentlich gesagt hat. Er hat Notizen dazu jeweils hinterlassen - zu einigen hat er Grunddaten geliefert. Auf denen habe ich dann aufbauen müssen. Das Archiv als Quelle war eigentlich recht dürftig.

Bayern 2-Favoriten: Im Buch sind die Originale in Gruppen geordnet - zum Beispiel Volkssänger, Theaterleute, Schausteller. Weitere Kategorien sind zum Beispiel Unternehmer, Athleten, Schreiberlinge, Wirtsleute. Haben Sie diese Kategorien eingeführt, um das ein bisschen zu ordnen? Oder stammt diese Ordnung von Karl Valentin?

Karl Stankiewitz: Nein, das habe ich so eingeteilt. Ungefähre Gruppen, Berufsgruppen, könnte man sagen. Ich wollte die wichtigeren Personen in den Vordergrund schieben und nicht die Sonderlinge, die Kräuze. Mir war es wichtiger, die Leute zu porträtieren, die irgendwie wichtig waren für die damalige Zeit.

Bayern 2-Favoriten: Es sind Personen dabei, die man heute noch kennt. Aber viele dieser Originale sind heute vergessen. Wie findet man deren Lebensgeschichten heraus?

Karl Stankiewitz: Ja, das war die Schwierigkeit. Ich musste natürlich sehr viel recherchieren. Es waren nur flüchtige Notizen von Karl Valentin da. Gott sei Dank gibt es in München gute Archive, hauptsächlich das Stadtarchiv selber. Und dort findet man merkwürdigerweise die unmöglichsten Namen wieder. Man musste also sehr viel rumsuchen.

Bayern 2-Favoriten: Seine Partnerin Liesl Karlstadt hat Karl Valentin auch in die Sammlung aufgenommen. Auch Kathi Kobus und Adele Spitzeder sind drin. Dann gibt es noch Maria Bayer, eine Frau mit Vollbart - aber insgesamt wenig Frauen.

Karl Stankiewitz: Ja, es gibt wenige Frauen, aber das war der Trend zu dieser Zeit. Eine Frau haben Sie vergessen: Mary Irber, eine junge Dame aus Niederbayern. Sie war die Freundin oder Liebhaberin von allen möglichen Prominenten - der erste Vamp sozusagen.

Bayern 2-Favoriten: Es sind viele Einzelporträts in Text und Bild, lauter Miniaturen, wenn man so will. Und wenn man das mosaikartig zusammenpuzzelt, was für ein Bild der Stadt München um die vorletzte Jahrhundertwende und im frühen 20. Jahrhundert entsteht da?

Karl Stankiewitz: Ich gebe ein Bild nicht nur von der guten alten Zeit, sondern ein realistisches Bild vom alten München. Das heißt, es war ein München der kleinen Leute, der Kleingewerbetreibenden, der Handwerker - der Handwerker, die es nicht mehr gibt, längst nicht mehr gibt - der Hausierer und eben der Käuze, die sich irgendwie durchs Leben geschlagen haben. Viele kamen aus der Provinz und haben sich hier versucht, durchzuschlagen oder eine Existenz aufzubauen. Manchen ist es gelungen, vielen ist es nicht gelungen. Viele sind total gescheitert. Viele dieser Menschen waren Alkoholiker. Und es merkwürdig, dass Valentin das so wichtig fand, dass er immer angemerkt hat, wieviel Bier sie am Tag trinken. Aber offensichtlich sind die akzeptiert worden von der Gesellschaft.


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