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Nichts für zarte Gemüter Heinz Strunk: "Der goldene Handschuh"

Wie tickte der Hamburger Serienmörder Fritz Honka? In welchem Milieu bewegte er sich und wie konnte es zu den vier Frauenmorden kommen? In seinem Roman "Der goldene Handschuh", für den er unter anderem mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet wurde und der heuer als Film von Fatih Akin in die Kinos kam, hat sich Heinz Strunk tief in die Biographie von Fritz Honka eingearbeitet und ein gleichermaßen fesselndes wie grausiges Buch vorgelegt. Das Hörspiel zum Bestseller ist nun beim Audio-Verlag erschienen.

Von: Annegret Arnold

Stand: 09.07.2019

Hörbuch-Cover "Der golden Handschuh" von Heinz Strunk | Bild: Der Audio Verlag, Montage: BR

"In diesem Wohnhaus im Hamburger Stadtteil Altona wurden heute durch Zufall vier Leichen gefunden. Feuerwehrleute, die einen Zimmerbrand löschten, entdeckten zwei verstümmelte Frauenleichen in Plastiksäcken. Sie waren in einer Rumpelkammer und auf dem Dachboden versteckt worden. […] Die Polizei vermutet wegen der Zerstückelung der Leichen Sexualverbrechen. Der Tat verdächtig ist der 40-jährige Fritz Honka."

Zitat aus Der goldene Handschuh

Es war eine gruslige, kaum vorstellbare Nachricht, die 1975 über den Äther ging und die Bundesrepublik in Atem hielt: Versteckte Leichen in einem Wohnhaus mitten in der Großstadt Hamburg. "Vier Frauen von Nachtwächter geköpft und zerhackt" titelte die BILD-Zeitung damals und trug dazu bei, dass Fritz Honka, der überführte Täter, für eine ganze Generation zum Inbegriff des Bösen wurde.

40 Jahre später hat sich der Autor Heinz Strunk die Biographie und Prozess-Akten dieses dämonisierten Frauenmörders vorgeknöpft und dessen Geschichte in einem Roman festgehalten: "Der goldene Handschuh", benannt nach einer Hamburger Kiezkneipe, in der Fritz Honka verkehrte und in der er seine Opfer fand.

"Ungefähr 60 Sheffield sind schon durch seine wunden Lungen gegangen. Die Brust ist von den vielen Zigaretten eingesunken. Dazu hat er etwa einen Liter Fako getrunken, Fanta-Korn im Verhältnis 1:1. Jetzt hat ihn der Schmiersuff befallen, der einem den ganzen Kopf und das ganze Denken zuschmiert und zukleistert. Außerdem ist er müde. Er geht nach hinten zu den 'Schimmligen', um eine Runde zu schlafen."

Zitat aus Der goldene Handschuh

Es ist ein unfassbar kaputtes und abstoßendes Milieu, das Strunk in seinem Roman beschreibt und dass in der Hörspielproduktion des Norddeutschen Rundfunks akustisch lebendig wird. In einem selbstverständlichen Erzählfluss gehen vermeintlich dokumentarische Auszüge aus den Prozessakten in ausgespielte Szenen über, und die scharfen Beobachtungen des Erzählers vermengen sich mit der Innensicht Honkas. Dass diese Verzahnung von Szene und Erzählung so gut funktioniert, ist nicht nur dem Geschick des Regisseurs Martin Zylka, sondern auch den beiden Schauspielern Lars Rudolph und Sebastian Rudolph zu verdanken, die als zurückgenommener Erzähler und wahnsinniger Frauenmörder in ihren Rollen brillieren.

"Bett im Schlafzimmer mit halb aufgerissener Matratze. An einer Wäscheleine hängen ein dunkelrotes Kleid und ein Lappen. Verfaulte Vorhänge, die von den Wänden tropfen. Im Wohnzimmer ein Teppich, der mal weiß gewesen sein könnte. Mit den Jahren haben sich Sperma, umgekippte Getränke, Zigarettenasche, tröpfelnder Urin und wer weiß was noch zu einem ganz kranken Farbton verdichtet."

Zitat aus Der goldene Handschuh

Beim Hören des Hörspiels "Der goldene Handschuh" fragt man sich minütlich: Kann es eigentlich noch schlimmer, noch ekelerregender, noch abgründiger werden? Und immer wieder aufs Neue muss man feststellen: es kann. Die Alkoholexzesse werden noch ausufernder, die Gewalt- und Sexphantasien noch perverser, der Selbsthass noch größer. In brutaler Unausweichlichkeit lässt Strunk seine Hauptfigur auf die Katastrophe, nämlich vier grauenhafte Frauenmorde, zusteuern und reißt uns als stille BeobachterInnen in diesem immensen erzählerischen Sog wehrlos mit.

Gewalt im Hörspiel darzustellen ist nicht einfach – das kann schnell überzeichnet, slapstick- oder comichaft wirken. In diesem Fall spielt das gesamte Ensemble so inbrünstig und nuanciert, dass die vorder- und hintergründige Gewalt, die diese Erzählung von Anfang bis Ende begleitet, überzeugend und spürbar wird.

Eindringlich, grausig und absolut nichts für zarte Gemüter - Das Hörspiel "Der goldene Handschuh" ist auf einer CD beim Audio-Verlag erschienen.


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