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Packender Roman Fuminori Nakamura - Der Revolver

Der Schriftsteller Fuminori Nakamura ist in Japan ein Star - in Deutschland eher ein Geheimtipp. Sein Debütroman "Der Revolver" ist erst das dritte Buch von Nakamura, das ins Deutsche übersetzt worden ist. Eine Empfehlung.

Von: Heinz Gorr

Stand: 31.10.2019

Buchcover "Der Revolver" von Fuminori Nakamura | Bild: Diogenes Verlag, Montage: BR

"Gestern - es kommt mir vor wie gestern - habe ich einen Revolver gefunden. Vielleicht auch gestohlen, ich weiß es nicht genau. Noch nie habe ich etwas so Schönes gesehen, er liegt in meiner Hand, als wäre er für mich gemacht. Bisher hatte ich überhaupt kein Interesse an Waffen, aber in dem Moment, in dem ich den Revolver sah, musste ich ihn haben."

Aus 'Der Revolver'

So beginnt die Geschichte um den Studenten Tōru Nishikawa. Es ist die Geschichte einer Obsession, in die uns der Ich-Erzähler unaufhaltsam hineinzieht. Die Waffe, die er in einer Regennacht in Tokio neben einer Leiche findet, verändert Tōrus Einstellung zum Leben, zur Realität, die er "immer als eintönig und langweilig empfunden" hat, sie hilft ihm, aus seiner "verschlossenen Welt auszubrechen."

Unheimliche Euphorie und Machtfantasien durch den Revolver

Nishikawa versetzt der Revolver in Euphorie. Dermaßen beflügelt, empfindet er seinen Alltag viel erträglicher, genießt Machtfantasien, auch wenn sie ihm zunächst noch unheimlich sind. Weiß er doch, dass der Revolver "vor allem dazu da" ist, "Leben zu zerstören".

Das Böse tritt in unterschiedlicher Gestalt in Fuminori Nakamuras Büchern auf. Hier ist es der Revolver und das "kribbelnde Gefühl der Verlockung", ihn abzufeuern, diesen "Gegenstand, der das Töten als etwas Naheliegendes, ja Natürliches erscheinen lässt."

Nakamura thematisiert Todesstrafe in Japan

Warum darf man eigentlich nicht töten, wenn es doch der Staat tut? Eine Frage, die den 1977 geborenen Schriftsteller umtreibt. In seiner japanischen Heimat hält man bis heute an Vollstreckungen fest.

"Ich denke, hinter Nakamuras Schreiben steckt unter anderem auch der Wunsch, darauf eine überzeugende Antwort geben zu wollen. Persönlich lehnt Nakamura die Todesstrafe vehement ab, aber das ist in Japan nicht selbstverständlich. Auch wenn die meisten Japaner es vermeiden, über das Thema zu sprechen, so spürt man doch nicht selten ein diffuses Befürworten der Todesstrafe bei schlimmen Verbrechen, das ist schon ein bisschen befremdlich."

Thomas Eggenberg, Übersetzer

Übersetzer japanischer Alltagskultur

Thomas Eggenberg verdankt die deutschsprachige Literaturgemeinde alle bisher vorliegenden Übersetzungen von Fuminori Nakamura. Mit der Erfahrung eines Hochschullehrers, der zwei Jahrzehnte in Shizuoka tätig war, wird er aber auch zum Übersetzer einer japanischen Alltagskultur, in der vieles unsichtbar bleibt.

"Junge Menschen in Japan haben allerlei Probleme: Weniger physische Gewalt ist das Problem, sondern der familiäre und gesellschaftliche Druck ein angepasstes Leben zu führen, einen guten Job zu finden, zu heiraten, Kinder zu kriegen usw. Alles noch immer recht traditionell. Und wirtschaftlich geht es Japan ja sowieso nicht gut. So sind Desillusion, Perspektivenlosigkeit, Zukunftsängste unter jungen Menschen ziemlich verbreitet."

Thomas Eggenberg

Der Revolver und das neue Selbstbewusstsein

Dank des Revolvers kann der Student seine durchschnittliche Existenz hinter sich lassen. Er beginnt gleich zwei Affären, erhebt sich über seinen todkranken leiblichen Vater, dessen Alkoholismus Tōrus Mutter früh vertrieben hatte, fühlt sich einem plötzlich auftauchenden Polizeiermittler gewachsen.

Sadistische Züge und eine nihilistische Weltsicht blitzen auf. So sieht er sich umgeben von Menschen, die "das Leben nicht verdienen", während der Drang, abzudrücken von ihm Besitz ergreift: "Wenn ich es nicht tat, würde ich in Endlosschleife darüber nachdenken und am Ende wahnsinnig werden", verkündet er.

"Nakamura hat mir mal anvertraut, dass er eine schwierige Kindheit gehabt hat. Man spürt das in seinen Büchern, in fast allen seinen Büchern kommt Gewalt gegen Kinder [vor], Kinder wachsen in einem Heim auf, sie kommen zu Adoptiveltern, werden dort irgendwie misshandelt… Ich weiß auch von ihm, dass dieses Buch aus großer Verzweiflung entstanden ist: Der Nakamura hat wörtlich gesagt, dass die Entstehung dieses Buches ihn vor dem Untergang gerettet hat."

Thomas Eggenberg

Debüt mit autobiografischen Zügen

Gott sei Dank, möchte man anfügen, denn so bleibt die Hoffnung auf weitere packende Romane aus der Feder eines Autors mit ganz eigener Handschrift, situiert in einem immer wieder rätselhaften Japan. Dass Tōrus Kampf mit seinen Dämonen dort schon zum zweiten Mal verfilmt wird - diesmal mit einer weiblichen Protagonistin - ist ein Indiz für das enorme Potenzial der Geschichte.

"Interessant finde ich, wie Nakamura unterschiedliche Stimmungen kreiert: Sintflutartiger Regen, die vor Todesangst geweiteten Augen einer Katze, Geräusche und Lichtreflexe, als würde eine Kamera diese Details bedrohlich ranzoomen."

Thomas Eggenberg


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