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ComicFavorit José Luis Munuera: "Die Campbells"

Aus der populären Kultur sind sie nicht wegzudenken: die Piraten auf dem weiten Meer. Auch im Comic sind sie immer wieder unterwegs, etwa, als ewig Scheiternde, in den Asterix-Geschichten oder auch in den klassischen „Tim-und-Struppi“-Alben von Hergé. Der spanische Zeichner Jose Luis Munuera – kurz: Munuera – widmet den Freibeutern eine Comic-Reihe. In der Serie "Die Campbells" erzählt er von einem durchaus eigenwilligen Piraten – und von seiner Familie. Die perfekte Lektüre nicht nur für Ferientage am Meer.

Von: Niels Beintker

Stand: 16.07.2019

Buchcover "Die Campbells 1: Inferno" von Jose Luis Munuera  | Bild: Carlsen Verlag, Montage: BR

Vielleicht lässt man das Tagebuch der großen Schwester besser in Ruhe. Jedenfalls dann, wenn man in einer Gegend lebt, in der es gefräßige Krokodile gibt. Genova, die jüngere Tochter des Piraten Campbell, bringen der Diebstahl und die geheime Lektüre in arge Bedrängnis. Zum Glück ist Itaca rechtzeitig zur Stelle. Sie rettet der kleinen Räuberin das Leben und kriegt ihr Tagebuch zurück, mit einem verstohlenen Blick.

Der Held: Pirat und alleinerziehender Vater

Jose Luis Munueras Comic-Reihe "Die Campbells" ist nicht nur eine Piratengeschichte. Sondern ebenso eine Familiengeschichte. Im Zentrum: ein alleinerziehender Vater und seine beiden Kinder.

"Ich dachte, das könnte lustig sein: Du nimmst eine Figur wie einen Piraten – einen klassischen Helden – und zeigst nun, wie er als Familienvater für zwei kleine Kinder sorgen muss. Du siehst ihn in verschiedenen familiären Situationen. Ich war der Meinung, diese Anordnung könnte perfekt sein, um Abenteuer und Gefühl zu mischen, in ein und demselben Buch. Man kann also vieles in der Geschichte finden: Action und Humor, surreal, manchmal wie Slapstick. Und es gibt viel Raum für Gefühl. Dass hängt mit den familiären Beziehungen zusammen."

 José Luis Munuera

Munueras Bilder erinnern an Spirou und Asterix

An Action mangelt es tatsächlich nicht im Auftaktband der fünfteiligen Comic-Serie von Munuera. Es gibt wilde Gefechte auf See, Explosionen und hungrige Haie: Szenen voller Komik. Munuera zeichnet mit dünnem Strich. Seine Bilder sind opulent koloriert, das Album erinnert in der Bildsprache an die franko-belgischen Klassiker, an Asterix, Spirou und andere. Munuera hat selber einige Geschichten der Spirou-Reihe gezeichnet. Auch darf in den "Campbells" eine kleine Reverenz an die Lucky-Luke-Abenteuer nicht fehlen. Die Ästhetik und der besondere Humor dieser Comic-Tradition bedeuten ihm viel, sagt der spanische Zeichner.

"Als Kind habe ich das Ende der Franco-Diktatur erlebt. Die spanischen Comics haben die traurige Realität widergespiegelt. Ganz anders dagegen die aus Frankreich und Belgien. Das war reines Abenteuer. Oder wie Ferien, wohin du auch gehst. In den Asterix-Geschichten kannst Du in den Wald gehen. Das ist umwerfend. In den spanischen Comics habe ich so etwas nie gesehen. Sie waren so traurig. Und sie haben dich beständig daran erinnert, dass sie während der Diktatur entstanden sind. Insofern haben mich die franko-belgischen Geschichten enorm fasziniert. Ich möchte dieses Gefühl in meinen eigenen Comics wiedergeben – und es weitergeben an die neuen Leser."

José Luis Munuera

Dennoch erzählt Munuera auf ganz eigene Weise, in seinen Bildern, aber auch in seinen Geschichten. Der Auftaktband der Serie "Die Campbells" entfaltet kein durchgehendes Abenteuer. Vielmehr gibt es, aufeinander folgend, einzelne Episoden. Ihr Zusammenhang wird erst mit dem Fortgang der Reihe erkennbar. Hier ist Campbell mit dem trotteligen Widersacher Carapepino konfrontiert, auch dieser ein Pirat. Dort tritt der durch und durch böse Freibeuter Inferno auf. Dann wieder gibt es Szenen über Campbells Töchter Itaca und Genova. Und schließlich eine Erinnerungen an wenig gute Kindertage von Campbell und Inferno. Die Fragmente machen neugierig.

"Meine Leser werden Teil der Erzählung. Ich will ihnen nicht einfach den fertigen Comic in die Hände drücken. Ich möchte, dass meine Leser mitarbeiten. Ich werde dafür bezahlt. Aber ihr müsst arbeiten! Ich gebe viele Informationen, blitzlichthaft. Meine Leser sollen sich daraus ihre eigene Geschichte bauen. Diese Form der Einbindung interessiert mich sehr."

José Luis Munuera

Das Thema Familie treibt Zeichner Munuera um

José Luis Munuera

Munuera sagt, er habe die Piraten-Geschichte eher nebenbei entwickelt, zunächst ganz für sich, ohne Zwang. Fünf Bände hat er in den vergangenen Jahren gezeichnet. Das Finale könnte ein großes werden, wenn die dichte und immer wieder temporeiche Erzählstrategie anhält.

Neben den Campbells schreibt und zeichnet Munuera seit einigen Jahren auch Geschichten einer ambivalenten Figur aus dem Spirou-Universum: Es geht um Zyklotrop, um einen durchgeknallten Wissenschaftler, der zum Herrscher der Welt werden möchte. Er ist böse und auch wieder nicht. Und auch er ist, wie der Pirat Campbell, alleinerziehender Vater.

Das Thema Familie treibt Munuera offenkundig um. Er selbst habe drei Töchter, erzählt er. Und er weiß: Es ist leicht, ein Held zu sein. Als Vater könne man es durchaus schwerer haben.

Keine Sorge: Die Comic-Alben von Munuera sind keine Erziehungsratgeber, keine Trostbücher für überforderte Väter. Was wiederum nicht heißen soll, ihnen fehle der Tiefgang. Hier erzählt einer, der schnelle und turbulente Geschichten schätzt. Und der viel Freude an wilden und skurrilen Abenteuern hat. Insofern Segel setzen! Ein Sommertag mit Munueras Comics ist alles andere als langweilig.

José Luis Munuera: Die Campbells, Band 1: Inferno. Übersetzt von Marcel Le Comte, erschienen im Carlsen-Verlag, 12,00 Euro


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