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Mütter und Töchter Amélie Nothomb: Klopf an dein Herz

Im Roman der belgischen Erfolgsautorin begegnen uns gleich zwei hochproblematische Mutter-Tochter-Verhältnisse. Mangelnde Liebe, aber auch zu viel davon kann zur existenziellen Zerreißprobe werden, wie Dianes Geschichte zeigt.

Von: Heinz Gorr

Stand: 17.09.2019

Amélie Nothomb "Klopf an dein Herz" | Bild: Diogenes Verlag/Montage: BR

Es geht um Frauen und ihre Beziehungen in diesem Buch, genauer um die vielleicht prägendste Verbindung für eine Heranwachsende: die zu ihrer Mutter.

Die kleine Diane wird von ihrer Mutter abgelehnt. Schon als Fünfjährige begreift sie, dass extreme Eifersucht dahintersteckt. Trotzdem stürzt sie die Kälte der von allen angehimmelten Stadtschönheit Marie, die sie mit gerade mal 20 zur Welt gebracht hat, in einen Abgrund. Dass ihr Bruder zärtlich angenommen wird, verkraftet sie noch halbwegs. Nach der Geburt von Célia jedoch schnappt ihre junge Mutter regelrecht über:

"Diesmal war sie in einer Art Delirium, einem Liebesrausch. Sie küsste Célia, als ob sie sie fressen wollte. Wie besessen sagte sie immer wieder: 'Ich liebe, liebe, liebe dich, mein allerliebstes, liebstes Baby!' Das war obszön. (…) Der Vater und die Großeltern beobachteten die Szene voller Rührung. Keiner merkte, dass Diane abseits stand, erstarrt und unfähig, sich zu rühren." Auszug aus dem Buch

Wenn die Kindheit plötzlich endet

Mit diesem Moment hört Diane auf, ein Kind zu sein, zieht auf eigenen Wunsch zu Oma und Opa, fühlt sich dort geliebt und geborgen. Ihre eigentliche Familie sieht sie nur am Wochenende - eine groteske Situation der Entfremdung wird von allen als scheinbar normal akzeptiert.

Nach etwas, das man als Suizidversuch bezeichnen kann, beeindruckt sie das tiefe Verständnis des behandelnden Arztes, der sie fragt, ob sie leben möchte. Sie entscheidet sich positiv und beschließt, später selbst diesen Beruf zu ergreifen. Für die medizinische Fachrichtung erhält Diane den Anstoß durch Verse eines romantischen Dichters. So erklärt sich auch der Titel des Romans.

"Es war eine Zeile von Alfred de Musset, die mich sehr beeindruckt hat: Klopf an dein Herz, denn dort sitzt das Genie."

Amélie Nothomb

Just zwischen diesen beiden Polen - dem emotionalen Leiden, von einer bewunderten Person nicht geliebt zu werden und der rationalen Erkenntnis, es erklären, aber nicht ändern zu können - entfaltet sich der Werdegang der so bildhübschen wie klugen Figur Diane.

Beziehungen kommen und gehen

Während ihres Studiums der Kardiologie freundet sie sich mit der genialen Dozentin Olivia an, befördert selbstlos deren akademische Karriere - und wendet sich irgendwann desillusioniert von ihr ab. Die intensive Beziehung, in die sie sehr viel investiert, geht in die Brüche, als Diane den wahren Charakter der intellektuell brillanten Medizinerin durchschaut und in Olivias seelisch verwahrloster Tochter Mariel einem Spiegelbild ihrer eigenen Kindheit begegnet.

"Diane erinnerte sich an die Worte ihrer Großmutter: 'Um ihr Reich zu errichten, braucht Eifersucht keinen Grund.' Das traf auch schon auf Dianes Mutter zu. Und wie viel mehr auf Olivia! Obwohl sie Professorin war und noch dazu eine schöne, perfekte, verführerische Frau, neidete sie ihrer schwächlichen, traumatisierten Tochter die Zuneigung einer ehemaligen Bewunderin." Auszug aus dem Buch

Autorin Amélie Nothomb

"Klopf an dein Herz" ist der 26. Roman einer Schriftstellerin, die manche als exzentrische Graphomanin, andere als geniale Bestseller-Produzentin bezeichnen. Im nüchternen, wie immer dialogdominierten Schreibstil, handelt sie eine menschliche Tragödie shakespeare'schen Ausmaßes ab. Diesmal stehen Eifersucht, Neid und Verachtung im Mittelpunkt und das, was sie vor allem in Kinderseelen anrichten. Mit äußerst reduzierten sprachlichen Mitteln gelingt das der belgischen Autorin meisterhaft.

Sie verspüre einen starken Todesdrang, gestand Nothomb in einem Interview, das spiegelt sich auch in diesem Plot wider: Zwar legt Diane immer wieder fast übernatürliche mentale Stärke an den Tag; und doch kulminiert eine dieser vertrackten Geschichten aus zuviel oder total verweigerter Mutterliebe am Ende in einer blutigen Verzweiflungstat.

Amélie Nothomb: Klopf an dein Herz

Aus dem Französischen von Brigitte Große
Diogenes Verlag, August 2019, 160 Seiten


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