Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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"Ich habe fertig!" Wutbürger in Bayern

Den "furor teutonicus" fürchteten bereits die alten Römer. Unter den Stämmen Germaniens gibt es indes ein Volk, das Wüteriche von ganz besonderer Güte hervorbrachte. Bis heute bietet das betreffende Stammland den idealen Nährboden für emotionale Eruptionen von enormer Bandbreite. Diese reicht vom temporären Kontrollverlust bis zum XXL-Zorn. Entsprechend ist es an der Zeit, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Thomas Kernert versucht, die Geschichte des "furor bavaricus" nachzuzeichnen.

Von: Thomas Kernert

Stand: 13.04.2013 | Archiv

Giovanni Trapattoni | Bild: picture-alliance/dpa

Im Unterschied zum furor teutonicus war lange Zeit nicht ganz klar, worum es sich beim "furor bavaricus" genau handelte: um eine Mücke oder einen Elefanten? Dies lag vornehmlich daran, dass die bayerische Wut zwar sehr eruptiv in Erscheinung treten konnte, meist jedoch nur für Sekundenbruchteile anhielt. Von einer "Erregungskurve" konnte insofern kaum die Rede sein, höchstens von einer "Erregungsspitze". Dabei wurde kurz "ausgeteilt" und "a Rua war"! Von den Wittelsbachern immerhin weiß man, dass einige von ihnen formidable Wüteriche waren. 1919 wurde der furor bavaricus dann in Form des "politischen Aschermittwochs" erstmals institutionalisiert. Als einer seiner größten Anhänger galt gemeinhin Franz Josef Strauß. Doch auch bei ihm dauerte die Wut meist nur kurz und erschöpfte sich in ein paar wilden Schreien und Zuckungen, die bereits am Donnerstagmorgen wieder vergessen waren.

Der bayerische Donnergott

Franz Josef Strauß

Die Kunst des medienwirksamen Schreiens, Polterns und Diffamierens hatte im modernen Nachkriegsbayern immer wieder imposante Spitzenleistungen hervorgebracht. Spitzenleistungen, um die man uns weltweit beneidete. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an den selbsternannten "Menschen mit Ecken und Kanten", an Franz Josef Strauß. Hemmungen, aus der Haut zu fahren und dabei verbal spektakulär wie ein Silvesterböller zu detonieren, kannte dieser bayerische Donnergott nicht. Berauscht von seiner Sprachgewalt, benahm er sich gerne gewaltig daneben. Und dies nicht nur dem politischen Gegner, sondern selbstverständlich auch dem Souverän gegenüber, dem Volk resp. einzelnen Elementen derer, die er den "linken Pöbel" zu nennen pflegte.

"Ach halten's doch den Mund, Sie Trottel! Ich seh Sie schon seit längerer Zeit. Wenn Sie scho kein Hirn haben, dann halten's des Maul wenigstens! Dieses dämliche Gequatsche eines politisierenden Beatles, was glauben Sie denn, Sie Pilzkopf!"

(Franz Josef Strauß)

Akrobatischer Tanz auf dem rhetorischen Hochseil

Und dennoch: Selbst seine deftigsten Ausritte in den Bereich der persönlichen Verunglimpfung noch waren Teile einer wohlkalkulierten Inszenierung. So spontan er dabei seinem Temperament die Sporen zu geben schien, so genau wusste er doch stets und ständig, dass er sich im Rampenlicht einer Bühne, einer Manege, eines öffentlichen Ereignisses befand. Nie ging er sich im Eifer des Gefechtes wirklich selbst verloren. Nie verwischten seine Emotionen seine Wörter. Im Gegenteil: Je höher in ihm die Galle anstieg, desto akrobatischer tanzte dieser schwere Mann auf dem rhetorischen Hochseil. Er wusste, was er seinem Ruf als politisches Maschinengewehr schuldig war. Und er wusste, dass das Volk, egal ob bürgerliche Strickjacke oder linker Parka, nach seinen giftigen Pirouetten gierte. Wie meinte schon der altgriechische Demagoge Gorgias: Die emotionale Rede ist eine Droge. FJS war ein Drogenhändler.

"Ich habe fertig!"

Giovanni Trapattoni

Eine entscheidende Erneuerung erfuhr der furor bavaricus 1998 durch den damals in bayerischen Diensten stehenden oberitalienischen Fußballlehrer Giovanni Trapattoni und dessen berühmten TV-Wutausbruch, der mit den klassischen Worten endete: "Ich habe fertig!" Seitdem gilt er als hoch wirksames Instrument zur medialen Instant-Empörung mit optimaler Erregungsintensität. Als Zeichen authentischer Entrüstung gehört er heute längst zum guten Ton und erfreut sich sowohl bei Politikern, Kirchenvertretern und Sportfunktionären, als auch beim so genannten Normalbürger (Stichwort: "Wutbürger") allgemeiner Beliebtheit.


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