Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Ein Lob der Erleuchtung Wunderkerzen, Lichterbaum, Gedankenblitz

Menschen ähneln Motten: Licht im Dunkel zieht sie magisch an. Immer und überall war und ist Erleuchtung angesagt, im Zeitalter der Aufklärung ebenso wie in den Tagen der Elektrifizierung, vor allem aber in der Winter-, Advents- und Weihnachtszeit. Wem ein Licht aufgeht, der ist ein heller Kopf. Und wer diese Sendung einschaltet, zählt zu den Hellhörigen …

Von: Thomas Kernert

Stand: 15.12.2018 | Archiv

"Einstmals brauchte es einen Gott, um Licht zu erzeugen ...
'Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.'
... heute genügt ein Lichtschalter,
Wippschalter,
Kippschalter,
Drehschalter,
Touchscreen- oder Free-Touch-Schalter.
Und schon ist es da, das ganz, ganz große Wunder.
Das Lieblingssujet von Malern, Dichtern, Denkern und Sicherheitsbeamten.
Die große Hoffnung am Ende des Tunnels.
Das Schimmern in den Kinderaugen, wenn es an Weihnachten aus allen Ecken und Enden strahlt und prahlt, blinkt und blitzt, kerzt und herzt ...
Doch niemand sagt Danke, niemand geht auf die Knie und betet den Lichtschalter an.
Wir tun es!
Wir sagen Danke!"

(Thomas Kernert)

"Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen."


Der Spruch stammt nicht von einem bayerischen Gaudischild, sondern aus dem Zen-Buddhismus. Dennoch spiegelt er die Einstellung des bayerischen Gemüts zu eruptiven zerebralen Großereignissen erstaunlich adäquat wieder: Man verliert sich nicht gleich in spastische Verrenkungen, nur weil man gerade die Idee aller Ideen gehabt zu haben glaubt.

"Cogito ergo sum"

René Descartes (1596-1650), französischer Philosoph und Mathematiker

Mit Erleuchtungen, Offenbarungen und Geistesblitzen kann man keinen Ofen füttern. Dies wusste schon ein Franzose namens René Descartes, als er im November 1619, auf einer warmen bayerischen Ofenbank sitzend, sein "Cogito ergo sum" ausbrütete.

Das "Age of Enlightenment", das "Zeitalter der Erleuchtung" – gemeint ist die Aufklärung – ging an Bayern ziemlich laut- und lichtlos vorüber.

Emotional wesentlich explosiver reagiert der Bayer auf pyrotechnische Eruptionen. Wo’s kracht, stinkt und blinkt, nimmt er mit Leib und Seele Anteil. Das liegt an seinem mediterranen, südlichen Temperament, aber auch an seiner generellen Bereitschaft, sich dem Großartigen, Mirakulösem und Unerklärlichen bereitwillig hinzugeben.

König Ludwig II. - eine bayerische Lichtgestalt

König Ludwig II. von Bayern bei einer seiner nächtlichen Schlittenfahrten

Bis heute genießt einer der größten Blender der bayerischen Geschichte, der Märchenkönig, höchste Verehrung. Die leidenschaftlich kolportierte Schlüsselszene zeigt ihn nächtens in einem mittels Batterien elektrisch illuminierten Pferdeschlitten durch eine funkelnde Schneelandschaft dahingleiten: Jeder Bengalo, jedes Feuerwerk, jeder Christbaum erinnert uns wahre Bayern über tausend Kurven, Hügel und Schleichwege an jene nächtliche, königliche Lichtgestalt.

"Staunen ist der Anfang aller Weisheit"

Und wenn wir dann in der Weihnachtszeit mit lichtstarken Phänomenen in Berührung kommen, so sinken wir innerlich auf die Knie und gaffen, träumen und staunen offenen Mundes ins Helle und Grelle. Doch wie wusste schon der Philosoph: Staunen ist der Anfang aller Weisheit.

Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum ...

Die Kerze ist heutzutage ein klassisches Rückzugsphänomen. Wo Kerzen leuchten, sind Entspannung und Wellness angesagt. Leider gibt es bis dato noch keine belastbaren Studien über den Einfluss des Teelichts auf das modale Feiertagsverhalten, man kann und darf aber davon ausgehen, dass besagte Teelichte allabendlich um Millionen von Badewannen stehen. Der mit echten Kerzen bestückte Weihnachtsbaum ist insofern nichts anderes als eine baumförmige Multiplikation von Feierabendvollschaumbädern. Entsprechend heilsam und krampflösend wirkt er auf Geist und Gemüt der in seinem Glanze Stehenden: Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum ...


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