Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Von Schänken und Schwemmen Das Wirtshaus im Wandel der Zeit

In der heutigen Ausgabe unseres Feuilletons geht es um Geschichte und Gegenwart einer traditionsreichen bayerischen Institution, die in letzter Zeit vielfach totgesagt wurde, vereinzelt aber immer noch quicklebendig ist – fragt sich nur, wie lange noch. - Ulrich Zwack begibt sich auf die Suche nach dem Wirtshaus im Wandel der Zeiten.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 11.01.2014 | Archiv

Ein halb gefüllter Bierkrug, auf dem der Hinweis "geschlossen" klebt | Bild: picture-alliance/dpa

Das bayerische Wirtshaus gehört zu den Institutionen, die mit schöner Regelmäßigkeit für tot erklärt werden. Und wenn man über Land fährt, stößt man ja auch wirklich immer wieder auf Wirtshäuser, die entweder ganz geschlossen oder in Pizzerias umgewandelt wurden. Oder aber man landet in einem pseudobayerischen, sogenannten "Landgasthof", wo einem eine vorzugsweise sächselnde Bedienung im Dirndl eine Speisekarte bringt, auf der so seltsame Gerichte stehen wie "Schweinebraterl am Kartoffelknöderl mit gemischtem Salatl".

Das Wirtshaus war seit jeher eine selbstverständliche Institution

Kartenspieler beim Schafkopfen

Andererseits hat sich jahrhundertelang niemand Gedanken darüber gemacht, ob ein bayerisches Wirtshaus wirklich ein bayerisches Wirtshaus ist. Es war einfach eine völlig selbstverständliche Institution. Je nach Ausstattung und persönlichem Bedarf konnte man dort essen und trinken. Ratschen. Kartenspielen. Kegeln. Übernachten. Legale oder auch krumme Geschäfte abschließen. Konspirieren. Politisieren. Hochzeit und Kindstaufe feiern. Leichenschmaus halten. Vereins- und Feuerwehrfeste begehen. Und, und, und. Vor allem die Männer konnten sich auch ihre Ängste und Sorgen von der Seele reden und Rat suchen.

"Indes stellt die altbayerische Bauernboazn nur eine Spielart der bayerischen Gesamtgastronomie dar, wenn auch eine wichtige. Auch war Dorfwirtshaus nie gleich Dorfwirtshaus. Neben reinen Schankbetrieben, wo man außerhalb von Familienfesten oder kirchlichen und öffentlichen Feiertagen höchstens eine kleine Brotzeit zum Essen bekommen konnte, gab es schon immer auch Wirtschaften mit warmer Küche und Gästebetten. Bayerische Wirtshäuser waren sie trotzdem alle miteinander."

(Ulrich Zwack)

"Das ganze altbayerische soziale Leben ist nun bekanntlich ein Wirtshausleben. Die höchsten Wünsche von weltlicher Glückseligkeit konzentrieren sich bei den Bauern auf den Besuch des Wirtshauses. Wer dasselbe nicht besucht, gilt für arm oder blöd. So war es schon in alter Zeit, so ist es noch und so wird es auch bleiben; denn es liegt der Grund hiervon in der nationalen Eigentümlichkeit."

(August Berger, Gerichtsarzt, 1860)

Verfall der Esskultur

Die schnelle Pizza nebenbei

Heute dagegen geht Mann zur Tanke, wenn er an Alkohol kommen will, und lässt sich die Pizza frei Haus liefern, wenn er Hunger hat. Chattet im Net, wenn ihm etwas auf der Seele liegt. Trainiert nicht mehr am Stammtisch die Fülle der Leibesmitte, sondern im Fitnessstudio den Sixpack-Bauch.

Die wichtige Rolle der "Boazn" Im Alltagsleben einst und jetzt

Ulrich Zwack schildert die wichtige Rolle der "Boazn" im Alltagsleben von früher, schaut sich aber auch in den Schänken und Schwemmen von heute um. Denn sogar in der Stadt kann man noch immer das eine oder andere Wirtshaus alter Prägung entdecken. Und auch so mancher Italiener oder Grieche von nebenan ist inzwischen auf dem besten Weg, wenigstens ansatzweise in die kulturellen und sozialen Funktionen einer "g'standenen Wirtschaft" hineinzuwachsen.


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