Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Wildtiere in der Stadt Wo Fuchs und Falke zuhause sind

Immer mehr Tiere verlassen die Wildnis und ziehen in die Stadt. Dort stellen sie unter Beweis, wie anpassungsfähig sie sind - und erweisen sich dabei oft als subversive Elemente: Wildschweine verwüsten Gärten. Spechte perforieren wärmegedämmte Hausfassaden. Marder machen es sich unter Motorhauben gemütlich, verbeißen sich gern in Kühlwasserschläuche und Zündkabel. Mäuse leben im Schotterbett zwischen den Gleisen im U-Bahnschacht. Wo man auch hinschaut: die Natur ist auf dem Vormarsch ...

Von: Ulrich Zwack

Stand: 28.06.2014 | Archiv

Wildschweine überqueren Straße | Bild: picture-alliance/dpa

Krähe Xaver benützt Autos als Nussknacker

Rabenkrähe betätigt sich als Nussknacker

Xaver ist ein waschechter Münchner und mit den Gepflogenheiten des Großstadtverkehrs bestens vertraut. Gerade steht er an einer roten Fußgängerampel. Als sie auf Grün wechselt, hüpft er auf die Fahrbahn und bis zum ersten hinter der Haltelinie wartenden Auto, platziert eine Walnuss vor dem rechtem Vorderreifen und hüpft zurück aufs Trottoir. Die Autos fahren an, die Nuss zerbirst – und sobald die Fußgängerampel erneut auf Grün springt, hüpft Xaver wieder auf die Fahrbahn, nimmt die geknackte Nuss mit dem Schnabel auf und fliegt mit ihr an einen sicheren Ort, wo er sie ungestört verzehren kann.
Xaver ist eine Rabenkrähe und wie alle Rabenvögel ziemlich intelligent. Darum weiß er das Stadtleben sehr zu schätzen. Die Errungenschaften der urbanen Zivilisation erleichtern die Alltagsbewältigung ganz erheblich. Nie und nimmer würde er mit seinen hinterwäldlerischen Artgenossen auf dem Land tauschen wollen. Und er ist bei weitem nicht der einzige sogenannte Kulturfolger oder Synanthrop aus dem Tierreich. Auch andere Wildtiere zogen und ziehen begeistert in menschliche Siedlungen. Manche davon wurden sogar literarisch verewigt.

Fuchs und Hase auf dem Kinderspielplatz

Immer häufiger glauben Städter, ihren Augen nicht mehr trauen zu können: Hier holt sich ein Falke mitten in der City eine Amsel von einer Fensterbank. Da spazieren im Einkaufszentrum Marder seelenruhig über die Straße. Dort verwüsten vergnügt grunzende Wildsauen sorgfältig gepflegte Gärten. In Parkanlagen röhrt der Hirsch. An Stadtbächen baut der Biber seinen Damm. Auf Kinderspielplätzen sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Zwischen den Geleisen der U-Bahnhöfe furagiert sich eine ganze Mäusearmee mit achtlos weggeworfenen Fast-Food-Resten.

Überreiches Nahrungsangebot lockt Wildtiere in die Stadt

Fuchs auf einer Baustelle

Kurzum: In unseren Städten wimmelt es von Getier, das eigentlich nicht hierher gehört.  Denn  seinen natürlichen Lebensraum bilden Wald und Wiese, Feld und Flur. Aber die Verlockung des in großen Siedlungen überreich vorhandenen Nahrungsangebotes erwies sich als so übermächtig, dass viele Wildtiere aus der Natur in die Stadt umgezogen sind. Amtlich werden sie als "Kulturfolger" bezeichnet. Derzeit listet der Bund Naturschutz in Bayern 39 solche Kulturfolger auf. Aber dabei wird es nicht lange bleiben, die Tendenz ist steigend.

Geliebter Igel - verhasster Marder

Stadtbewohner Igel

Der Mensch steht den tierischen Zuzüglern ziemlich zwiespältig gegenüber. Ein hilflos über einen Boulevard tippelndes Igelchen weckt bei Klein und Groß sofort Beschützerinstinkte. Kabelverbeissende Marder rufen dagegen zumindest in Autofahrerkreisen blutige Rachegefühle hervor. Diese zu stillen, verbietet freilich der Gesetzgeber. Andererseits gibt es zum Beispiel eine allgemeine Verpflichtung zur Rattenbekämpfung.  - Ulrich Zwack geht im Dickicht der Städte mit dem Mikrofon auf die Pirsch nach Wildtieren.

Buchtipp:

"Die Tiere kommen zurück"

  • Autoren: Quint Buchholz und Michael Krüger
  • Verlag: Sanssouci im Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG (9. Februar 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3836300737
  • ISBN-13: 978-3836300735

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