Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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"Hosd an Schnaid?" Oder: Wie risikobereit ist Bayern?

Historisch gesehen hat Bayern so manchen Haudegen vorzuweisen, wie z.B. Ludwig den Bayern, Maximilian I. oder den Schmied von Kochel. Auch viele bayerische Mutproben wie das Wildern oder das Fensterln erfordern ein hohes Maß an Risikobereitschaft. – Thomas Kernert fragt: Wie risikobereit ist Bayern?

Von: Thomas Kernert

Stand: 11.02.2017 | Archiv

Sie verbreiten Angst und Schrecken, die Bayern. Sie sind Kleiderschränke, Giganten, Goliathe. Vor lauter Selbstbewusstsein scheinen sie kaum noch gehen zu können. Wenn der bayerische Löwe rülpst, herrscht Sturmwarnung. Was die Frage provoziert: Wie mutig sind sie, wenn man ihre imaginäre Muskelmasse außer Betracht lässt? Besitzen sie dann immer noch die Risikobereitschaft eines David? Oder entpuppen sie sich als ängstliche Elefanten, die vor jeder Maus hysterisch auf die Tische springen?

An "Schnaid" haben

Im Gegensatz zu seinem weitläufigen Verwandten, dem Mut, der semantisch gern mit Komposita wie "Anmut" oder "Gemütlichkeit" kuschelt, orientiert sich der Schneid  etymologisch eher an scharfen Gegenständen, genauer gesagt: an der "Schneide", der scharfen Kante einer Messer- oder Axtklinge. - Letztere trennt, löst, spaltet ab, und dies bisweilen reichlich schmerzhaft. Im Schneid - ob mit 'a i' oder mit 'e i' - klingt demnach etwas Destruktives und Aggressives an, weshalb es kein Wunder ist, dass er sich in der Soldatensprache des 19. Jahrhunderts im Alpenraum großer Beliebtheit erfreute. Wer "an Schnaid hatte", war ein schneidiger Kerl und konnte entsprechend austeilen. In den Lokalnachrichten der "Münchner Abendzeitung" von 1864 findet sich ein früher schriftlicher Beleg für den spezifischen Bedeutungszusammenhang, in dem der Begriff stand:

"Haut zu, Buben, lasst euch nicht den Schneid abkaufen!" ...

...
wird ein Zeuge in einer Gerichtsverhandlung zitiert. Deutlich wird: Ohne Schneid hat man in handgreiflichen Dialogen offensichtlich keine Chance.

"Schneidfedern" und "Gamsbärte"

Nicht ökonomisch, sondern ornithologisch eingefärbt, präsentierte sich der Schneid darüber hinaus lange Zeit auf männlichen Kopfbedeckungen. Neben Gamsbärten zierten im deutschsprachigen Alpenraum früher imposante, möglichst gerade, weiße Hahnenfedern die Hüte. Man nannte sie "Schneidfedern". Beim "Gasslgehen" bzw. "Fensterln" gehörte dieses Gefieder zum unverzichtbaren Outfit der balzenden Jungstiere. Kam es unter letzteren zu nächtlichen Raufereien, was angesichts der lockenden Anmut der bayerischen Weiblichkeit nicht selten geschah, war es nicht unüblich, dass der Sieger den Besiegten demütigte, indem er ihm seine Schneidfeder abschnitt, und sie sich an den Hut steckte. Wie ein Gockel geschmückt, bestieg er sodann die Leiter Richtung Glückseligkeit, wohingegen dem quasi-kastrierten Verlierer nichts anderes übrig blieb als sich möglichst schnell im Schutze der Dunkelheit auf den Heimweg zu begeben.

Viele bayerische Mutproben erfordern ein hohes Maß an Risikobereitschaft

Maximilian I., Kurfürst von Bayern, fing den Dreißigjährigen Krieg an

Historisch betrachtet, hat Bayern einige Haudegen vorzuweisen: Ludwig den Bayern (er legte sich mit dem Papst an), Maximilian I. (er fing den Dreißigjährigen Krieg an), den Schmied von Kochel (er kämpfte gegen die Österreicher), Horst Seehofer (er widersprach der großen Kanzlerin). Auch viele bayerische Mutproben erfordern ein hohes Maß an Risikobereitschaft: Das Wildern, das Fensterln, der Wiesnbesuch. Vor steilen Felswänden weicht der Kraftbayer grundsätzlich nicht zurück und am Stammtisch brilliert er mit den halsbrecherischsten Thesen. - Andererseits: Vor dem Zahnarzt graut ihm, Frauen sieht er am liebsten am Herd und er leidet an partiellen Anfällen von Xenophobie. Das Schlimmste freilich sucht er zu verhindern mit dem kategorischen Imperativ: Nur nicht aus der Reihe tanzen!! Die Reihe (auch "Ordnung", "Sitte", "Brauch" oder "Tradition" genannt) ist ihm heilig, vor ihr hat er einen Höllenrespekt. Denn er weiß: Mit dem Teufel ist nicht zu scherzen …


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