Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Hä??? Wie Bayern hin- und weghört

Nur wer seine Hörorgane genau ausrichtet und konzentriert lauscht, wird zwischen Klang und Lärm, Sinn und Unsinn, dem Wesentlichen und dem Nebensächlichen unterscheiden können. Da man aber die Ohren nicht einfach verschließen kann, muss man der auditiven Reizüberflutung bisweilen auch durch gezieltes Weghören Paroli bieten. Hörenswert ist diese Sendung über die Kunst der selektiven Wahrnehmung!

Von: Thomas Kernert

Stand: 28.10.2017 | Archiv

Beim Hinhören werden die Ohren aktiv "gespitzt", sprich: wie bei Hunden, Katzen oder bayerischen Kurzohrmäusen aktiv aufgerichtet. Der Hinhörende sitzt dann nicht einfach da wie ein brav wiederkäuender Seminarteilnehmer, sondern liegt, auch wenn er sitzt, auf der Lauer. Er ist, wenn man so will, ein akustischer Spanner, ein Spitzel, kein passiver Empfänger, sondern ein aktiver Jäger.

Bayern ist ein akustisch sehr aktives und attraktives Land

"Schellenrührer" beim Faschingstreiben in Mittenwald

Sein Geräuschpegel ist intensiv und abwechslungsreich: Den Tag beherrschen meist dichte Klangwolken aus Blasmusik, Polizeisirenen, Motorenlärm und Bierzeltgesängen, nachts hört man über Kilometer hinweg Kiefernnadeln auf Waldböden rieseln. Dieses Wechselbad atmosphärischer Tönungen kann freilich nur genießen, wer die Kunst des gezielten Hin- und Weghörens beherrscht. Nur wer es gelernt hat, seiner Geräuschumwelt radikal selektiv zu begegnen, hat in Bayern eine Chance, ohne psychische Defekte zu überleben.

Bayerische Babys haben schon vor der Geburt eine spezifische Akustik im Ohr

Auch Babys hören schon gerne Musik

Psychoakustische Forschungen haben ergeben, dass bereits der Fötus das Hin- und Weghören trainiert. Bereits pränatal haben bayerische Babys demnach eine spezifische Akustik im Ohr. Mit ihrer Hilfe gelingt es ihnen später mühelos, selbst im größten Lärm instinktsicher heimische Idiome zu orten und im allgemeinen Info-Tsunami Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Wenn man so will, ähneln sie Ferkeln, die aus tausenden von Grunzlauten mühelos die Mutterstimme herauszuhören im Stande sind. Frage nur: Welchen Tönen genau schenken Bayern ihr Gehör, welche Geräusche kommen auf ihren seelischen Resonanzböden lauter zum Klingen und welche eher leise??  

Ludwig II. hatte die Ohren voll Wagner

Die Büste von König Ludwig II. vor Richard Wagners ehemaligem Wohnsitz "Wahnfried" in Bayreuth

Ludwig I., der von Geburt an schwerhörig war, hörte immer  wieder antike, griechische Geisterstimmen, Ludwig II. hatte die Ohren voll Wagner, Herzog Max in Bayern zitterte bei Zithermusik, Franz Josef Strauß überfielen, wenn er Sozialdemokraten hörte, Schreikrämpfe. Bayerns Schüler schreibm neuadinks nach gehöa …

Fluchtpunkt Stille

Wie herrlich wäre es, einfach mal wegzuhören!! Sich in andere Geräusche, andere Welten, andere Stimmungen flüchten zu können!! Zu den natürlichen Traumzielen des Lärmemigranten gehören fast immer die "Ruhe", die "Stille", die "Abgeschiedenheit". Nichts mehr hören, nichts mehr beachten, nichts mehr verstehen müssen, sich nur noch in den lautlosen Sand legen und stillschweigend die stummen Strahlen der Sonne auf den Bauch scheinen lassen!


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