Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Separatio Bavariae Ein Freistaat fällt ab

Dieses Feuilleton entführt die Hörer in eine nicht allzu ferne Zukunft: Der Brexit ist vollzogen, zur Diskussion steht der Bayxit … Wir ahnen natürlich, dass es so schnell nichts wird mit der Unabhängigkeit Bayerns. Wir ahnen auch, dass das besser so ist. Vermutlich träumen die meisten Bayern sowieso lieber von ihr, als sie zu verwirklichen. Aber wir wüssten natürlich gern, warum das so ist.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 25.03.2017 | Archiv

Bayern, Schottland, Latien und Katalonien

Der Opa und die Vroni

VRONI:
Du, Opa, sog amoi, der Peppi hat g’sagt, dass Bayern amoi a Teil von Deutschland gewesen war. Is’ des wahr?

GROSSVATER:
Ja, freilich is’ des wahr, Vroni. So lang is des no gar net her. Zwanzg, zwoarazwanzg Jahr vielleicht. Wia es noch nicht das "Europa der Regionen" geben hat, sondern das "Europa der Vaterländer". Dazumals war Europa noch a Verbindung von Nationalstaaten. Frankreich, Italien, Ungarn, Deutschland und so weiter. Es war noch koa Verbindung von Regionen, Katalonien, Latien, Schottland und halt Bayern, also die Alpenregion. Sag amal, was lernt’s denn ihr eigentlich in der Schui?

VRONI:
Mir? Ja mei, Kommunalobligationen ham mer g’habt, ein’ Dollar zum Euro umrechnen. Freihandelszonen-App, Datensammlung mit Höchstspeicherzeit und so was halt.

GROSSVATER:
O, Madel! Der Jugend von heut’ fehlt halt das Geschichtsbewusstsein. Also, dann erzähl’ eben ich dir die ganze G’schicht. Also, pass auf ... I woas no wia heit, wia mia unsane Versammlungen g’habt haben, die Separatio Bavariae ...

Die Forderung nach Unabhängigkeit wird immer lauter ...

Die Unabhängigkeit Bayerns von Deutschland und von Europa ist das Ziel

Eine nicht allzu ferne Zukunft ... der Brexit ist vollzogen, zur Diskussion steht der Bayxit …

Ganz Deutschland ist in eine wirtschaftliche Rezession und in politische Lähmung verfallen. Ganz Deutschland? Nein! Das Land im äußersten Süden prosperiert unentwegt, seine Fußballmannschaften, seine Autofabriken und sein Immobilienmarkt florieren weiter. Die christliche Einheitspartei sorgt für politische Stabilität. Aber der Unmut in der Bevölkerung wächst. Sollen wir etwa unseren wohlverdienten Reichtum, unser schönes Land, unsere Dividenden mit den Habe- und Taugenichtsen aus Restdeutschland teilen? Die Forderung nach Unabhängigkeit wird immer lauter. Endlich mag sich auch die christliche Einheitspartei einem Referendum nicht mehr entziehen. Auf allen Ebenen wird recherchiert, sondiert, manipuliert: Die Unabhängigkeit Bayerns von Deutschland und von Europa ist das Ziel. Der echte Freistaat, die ersehnte "nationale Identität", die Freiheit für Sprache, Brauchtum und Bier müssen endlich her …

Die "wahre" Geschichte der bayerischen Separatistenbewegung

Ein Großvater erzählt seiner staunenden Enkelin rückblickend die Geschichte der bayerischen Separatistenbewegung – aus eigener Erfahrung. Zu Gehör kommt auch der "historische" Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung der Separatisten. Dabei geht es hoch her, Gegner und Befürworter liefern sich heftige Wortgefechte. Als Stimmen der Vernunft sind ein Staatsrechtler und ein Soziologe zugeschaltet, die aus Expertensicht alle Möglichkeiten für einen Abfall Bayerns, die Separatio Bavariae, abwägen.

Markus Metz und Georg Seeßlen machen sich einen Spaß daraus, diese utopischen Eventualitäten allen Ernstes durchzuspielen.

"Bayerische Anarchie für die ganze Welt!"

Schützen feuern Salutschüsse ab

SEPARATISTIN:
Die Nationalstaaten sind am Ende. Alle Menschen müssen nach neuen Formen von Identität suchen. Die Separatio Bavariae fragt nicht bloß: Wer sind eigentlich wir, wir in Bayern? Sie fragt auch: Wer seid ihr? Und was wollen wir sein? Man hört es doch überall. Es gibt keine Solidarität der Menschen mehr. Bloß noch Egoismus, Rassismus, Nationalismus. Irgendwann bleibt von einem Staat gleich gar nichts anderes übrig als Nationalismus ...

INTEGRATIONIST:
Gegen ein bisschen Nationalismus ist doch nichts zu sagen. In netter Form, Fanmeile und Fähnchen und so. Wenn man es nicht übertreibt. Sie dürfen nicht so tun, als wäre der nationale Staat ein Gefängnis, und Ihre separatistischen Anarchien und Spaß-Monarchien wären die Befreiung. Aber so ist das ja nicht. Auch die nationalen Staaten verändern sich. Sie nehmen sich immer mehr zurück. Man muss sie nicht mehr so ernst nehmen. Sie tun uns noch gute Dienste, aber sie lasten längst nicht mehr so auf uns wie im letzten und vorletzten Jahrhundert.

SEPARATISTIN:
Sie werden verschwinden, die Nationalstaaten, das sage ich Ihnen! Und wo kriegen wir dann unsere Identität her und unseren Zusammenhalt? - Aus der Region.

INTEGRATIONIST:
Und dann? Dann steigen uralte Streitereien wieder auf. Protestanten gegen Katholiken. Alteingesessene gegen Neu-Zugezogene. Stadt gegen Land ...

SEPARATISTIN:
Aber wenn die Nationalstaaten schon zerfallen, dafür gibt es viele Gründe und viele Beispiele, wenn die Geschichte der Staaten sich ihrem Ende zuneigt, weil man sie wirtschaftlich, politisch und kulturell einfach nicht mehr brauchen kann, weil es keine Staatsvölker mehr gibt, sondern nur noch Identitäten, die man sich mehr oder weniger frei wählen kann – dann kann eine Sezession etwas ganz anderes sein: Kein neuer Staat, sondern ein Experiment für das Zusammenleben der Menschen nach dem Ende des Staates. Und weil es kein Land auf der Welt gibt, wo der Anarchismus so gut mit dem Traditionalismus zusammen geht, sage ich nur eins: Bayerische Anarchie für die ganze Welt!


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